Süddeutsche Zeitung

Mecklenburg-Vorpommern:Schwesigs Weg führt zurück an die Küste

Als Manuela Schwesig nach Berlin kam, verpasste man ihr unschöne Spitznamen. Doch sie hat sich als Ministerin profiliert - und soll jetzt Deutschlands jüngste Ministerpräsidentin werden.

Die Ansage war klar: "Wir haben die Kraft, den Mut und den Elan, diese Bundestagswahl zu gewinnen", sagte Manuela Schwesig vor zwei Wochen. Damals wählte sie die SPD in Mecklenburg-Vorpommern auf Platz eins der Landesliste für den Bundestag. Doch jetzt soll Schwesig Nummer eins in Mecklenburg-Vorpommern werden. Eine Krebserkrankung zwingt Erwin Sellering dazu, sein Amt als Ministerpräsident aufzugeben. Als seine Nachfolgerin empfiehlt er die Bundesfamilienministerin. Mit ihren 43 Jahren wäre sie die derzeit Jüngste unter Deutschlands Ministerpräsidenten.

Schwesig wurde am 23. Mai 1974 in Frankfurt an der Oder geboren und verlebte ihre Kindheit in der DDR. Nach dem Abitur 1992 studierte sie an der Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen. Sie zog nach Mecklenburg-Vorpommern, arbeitete zunächst im Schweriner Finanzamt und dann im Finanzministerium der Landeshauptstadt. Erst dann engagierte sich Schwesig in der Politik - und machte schnell Karriere: 2003 trat sie in die SPD ein und wurde Mitglied im Kreisvorstand Schwerin. Zwei Jahre später saß sie bereits im SPD-Landesvorstand von Mecklenburg-Vorpommern.

Schwesig kann mehrere Erfolge vorweisen

2008 wurde sie unter Erwin Sellering Ministerin für Soziales und Gesundheit und damals mit 34 Jahren jüngste Ministerin Deutschlands. Sie selbst verstand ihre eigene Jugendlichkeit als Signal an die jüngere Generation, in der Politik mitzumischen.

Die Verbesserung der Chancengleichheit und der frühkindlichen Bildung wurden zu Schwesigs Kernthemen. Das Land investierte Millionen in den Ausbau der Kinderbetreuung. Im Herbst 2013 wechselte Schwesig nach Berlin. Dort war sie unbekannt, bekam aber schnell unschöne, oft sexistische Spitznamen oder Attribute verpasst: "Küsten-Barbie" oder "Nervensäge im Kabinett". Unionsfraktionschef Volker Kauder nannte sie "weinerlich", als es zum Streit über die Einführung der Frauenquote kam. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll sich anschließend sogar bei Schwesig für ihren Parteifreund entschuldigt haben.

Schwesig und der SPD gelang es schließlich, sich bei der Quote durchzusetzen: Seit Mai 2015 müssen börsennotierte Unternehmen bei Aufsichtsräten mindestens 30 Prozent der neu zu besetzenden Posten mit Frauen besetzen. Das gilt für Unternehmen, bei denen der Aufsichtsrat jeweils zur Hälfte mit Vertretern von Anteilseignern und Arbeitnehmern besetzt ist. Auch wenn der Erfolg der Quote nach einem Jahr bescheiden ausfiel: Dass verstärkt über Gleichberechtigung im Job diskutiert wird, ist auch Schwesig zu verdanken. Ein weiterer Erfolg für die Ministerin war die Einführung des Gesetzes zur Lohngerechtigkeit. Es soll Unternehmen davon abhalten, Frauen für die gleiche Arbeit weniger zu zahlen.

Sie will Vorbild sein

Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie versucht Schwesig Vorbild zu sein. Sie hat zwei Kinder, ihre Tochter Julia kam im Frühjahr 2016 zur Welt. Obwohl ihr als Ministerin kein Mutterschutz zusteht, legte sie eine zweimonatige Pause ein. Die Elternzeit nahm jedoch ihr Ehemann. "Er ist keine Mutter zweiter Klasse, sondern eben ihr Vater, er hält mir den Rücken frei", sagte Schwesig. Nach ihrer Rückkehr kümmerte sie sich um die Reform des Mutterschutzes. Mittlerweile profitieren auch Studentinnen und Schülerinnen davon.

Inzwischen zählt Schwesig in der Bundes-SPD als wichtige Führungsfigur. Sie gehörte zum Leitungsteam einer Kommission, die den ersten Entwurf des Wahlprogramms für die Bundestagswahl erarbeitete. Das Papier trägt klar ihren Stempel. Familien- und Bildungspolitik sind als zentrale Themen benannt. So fordert die Partei Gebührenfreiheit vom Kindergarten bis zur Hochschule sowie das Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit.

Doch ob und wie Schwesig die Bundespartei im Wahlkampf unterstützen kann, ist nach dem Rücktritt Sellerings unklar. Schwesig muss sich auf ihre neue Rolle als Ministerpräsidentin vorbereiten. Und sie hat nicht viel Zeit. Am 1. Juli soll auf einem Sonderparteitag die Nachfolge geklärt werden. Die Unterstützung der SPD-Landesspitze ist Schwesig zumindest sicher. Dort heißt es, der Vorschlag Sellerings sei auf einhellige Zustimmung gestoßen. Schwesigs Nachfolgerin als Ministerin wird wohl Katarina Barley. Deren Posten als Generalsekretärin übernimmt Hubertus Heil.

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