Mecklenburg-Vorpommern Der Verlust, der keiner ist

Still liegt der See - doch im Schweriner Schloss, in dem der Landtag zu Hause ist, wird es nach dem Einzug der AfD kaum ruhig zugehen.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)
  • Die SPD hat zwar prozentual gesehen in Mecklenburg-Vorpommern verloren, Stimmen bekam sie aber trotzdem mehr als bei der vergangenen Wahl - etwa 4100 zusätzliche.
  • Die CDU hat 3868 Wähler verloren.
  • Zustande kommt das Ergebnis dadurch, dass die AfD viele Menschen mobilisierte, die zuvor überhaupt nicht zur Wahl gingen.
Analyse von Detlef Esslinger

Zu den vermeintlichen Gewissheiten nach dieser Wahl gehört, dass alle Parteien Stimmen verloren haben, nur die AfD nicht. Stefan Zierke leitet die Landesgruppe Ost der SPD-Bundestagsfraktion, und er freute sich am Montag über das Ergebnis seiner Partei. Allerdings schränkte er ein: "Wenngleich es Verluste bei den Zweitstimmen gab." Zierke gehört zu den Vielen, die sich in diesem Punkt irren.

Verluste muss die SPD registrieren, sofern sie sich nur ihren Anteil an allen Stimmen besieht. Auf die 35,6 Prozent vom vergangenen Mal folgten diesmal 30,6 Prozent; das bedeutet ein Minus von exakt fünf Prozentpunkten. Aber muss sich eine Partei "Verluste" attestieren, die in Wahrheit Stimmen gewonnen hat? 246 393 Wähler hatte die SPD Mecklenburg-Vorpommern diesmal. Vor fünf Jahren waren es 242 251 - das ist ein Zuwachs von mehr als 4100 Wählern.

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Bisherige Nichtwähler stimmten für AfD

Umgekehrt ist das Desaster bei der CDU nicht ganz so groß, wie es allein der Blick auf die Prozentzahlen suggeriert. 19 statt 23 Prozent sind gewiss nicht schön. Aber nur exakt 3868 ihrer bislang 156 969 Wähler haben der Partei das Vertrauen entzogen.

Die für die Partei so katastrophale Wirkung des Ergebnisses ist dadurch zustande gekommen, dass die AfD viele Bürger mobilisieren konnte, die bisher weder CDU noch sonst eine Partei gewählt haben. Vor fünf Jahren wurden insgesamt etwas mehr als 680 000 gültige Stimmen abgegeben. Diesmal waren es 806 000.

Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten, dass demokratische Politiker im Allgemeinen und Amtsinhaber im Besonderen die Bürger vor einer Wahl zur Stimmabgabe aufrufen - zum einen, weil ja jede Teilnahme an einer Wahl ein Wert an sich ist, zum anderen, weil jahrzehntelang die Regel galt: Je niedriger die Wahlbeteiligung, desto größer die Gefahr, dass Radikale ins Parlament gelangen.

Wer die AfD für eine Partei von Radikalen hält, der muss diese Regel allmählich aufgeben. Schon im März in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt war die Wahlbeteiligung deutlich gestiegen. Und nicht trotzdem, sondern genau deshalb zog die AfD in allen drei Ländern mit zweistelligen Ergebnissen in die Parlamente ein.

In Mecklenburg-Vorpommern ist es nun dasselbe: Die 806 000 gültigen Stimmen entsprechen einer Wahlbeteiligung von 61,6 Prozent; das sind 10,1 Prozentpunkte mehr als beim vergangenen Mal. Und die AfD kommt mit ihren mehr als 167 000 Wählern auf 20,8 Prozent.

Bundespolitik für AfD-Wähler wichtig

Die absoluten Zahlen gehen in den meisten Wahlanalysen unter. An Wahlabenden interessieren immer nur die relativen Ergebnisse. Sie entscheiden darüber, welche Parteien es ins Parlament schaffen, sowie über die Mehrheitsverhältnisse dort. Damit ist dann stets die Richtung sämtlicher Diskussionen vorgegeben.

Dennoch ist es alles andere als eine Beschäftigung nur für Statistikliebhaber, sich mit den absoluten Zahlen zu befassen. Denn diese zeigen, dass die populäre These, derzufolge die Wählerbasis der etablierten Parteien nach und nach erodiere, so nicht stimmt. Andernfalls hätte die CDU ja nicht fast all ihre Wähler halten, und die SPD nicht sogar noch Stimmen gewinnen können.

Warum aber gelang es nur der AfD in beachtenswertem Ausmaß, Nichtwähler wieder zu Wählern zu machen? Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen ist sie für 90 Prozent ihrer Wähler "die einzige Partei, die die wichtigen Probleme beim Namen nennt". Und für 60 Prozent der AfD-Wähler war die Bundespolitik der Grund, warum sie am Sonntag für diese Partei stimmten; insgesamt gaben lediglich 38 Prozent der von den Forschern Befragten an, ihre Entscheidung von der Bundespolitik abhängig gemacht zu haben.

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FDP nicht im Landtag

Erosionen hat es am Sonntag allerdings auch gegeben - bei der Linken, den Grünen sowie bei der NPD. Die Linken verloren fast jeden siebten Wähler, die Grünen jeden dritten. In ihrem Fall führte dies dazu, dass sie aus dem Landtag ausscheiden. Die NPD wiederum büßte sogar fast die Hälfte ihrer Wähler ein, auch sie gehört dem Parlament deshalb nicht mehr an.

Es ist aber dabei geblieben, dass sie im Landesteil Vorpommern deutlich häufiger gewählt wird als in Mecklenburg. Dort erzielte sie bis zu 8,7 Prozent. Vor fünf Jahren betrug ihr Rekordwert allerdings noch 15,4 Prozent.

Die FDP hat die Rückkehr in den Landtag so deutlich verpasst, dass von ihr am Sonntag praktisch keine Rede war. Nur knapp 25 000 Bürger stimmten für sie, das ergab drei Prozent. Aber es waren 5500 Wähler mehr als beim vergangenen Mal - auch die SPD hat nicht so viele Wähler hinzugewonnen wie diese Partei. Immerhin.

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