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KZ Mauthausen:Die Geschichten der Gefangenen

Gedenken an Konzentrationslager Mauthausen

Gedenken an die Befreiung vor 76 Jahren: Die Erinnerungsfeier fand am 16. Mai unter Corona-Bedingungen statt - und ohne Vertreter der ÖVP.

(Foto: Isabelle Ouvrard /Imago)

Wissenschaftler zeichnen die Geschichte der Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen akribisch nach - diese kamen aus 40 Ländern. Es ist das größte Forschungsprojekt, das es je über ein einzelnes Lager gegeben hat.

Rezension von Alexandra Föderl-Schmid

Alleine schon das Unterfangen gebietet Respekt: eine möglichst umfassende Dokumentation über Häftlinge eines KZ und damit die riesige nationalsozialistische Tötungsmaschinerie. Vor zwanzig Jahren wurden die ersten Schritte gesetzt in diesem internationalen Forschungsprojekt, zu dem mehr als 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 19 Staaten einen Beitrag geleistet haben.

Koordiniert von einem Kernteam in Wien um den inzwischen emeritierten Universitätsprofessor für Zeitgeschichte, Gerhard Botz, entstand nicht nur eine Darstellung des damals in der Ostmark gelegenen KZ Mauthausen und seiner 49 Außenlager. Es ist nach Angaben der beteiligten Historiker das weltweit größte Forschungsprojekt, das jemals über ein einzelnes KZ initiiert wurde - und es hat neue Erkenntnisse gebracht.

Es sind nun die beiden ersten Bände dieser akribischen Aufarbeitung mit ihrer breiten historiografischen Kontextualisierung erschienen. Im ersten Band wird die "nationalsozialistische Expansions- und Verfolgungspolitik" am Beispiel von Mauthausen und seiner Nebenlager wie Gusen und Ebensee dargestellt und ein genauer Einblick in die Quellenbasis und methodischen Grundlagen des Projekts geliefert. Dabei werden Verflechtungen eines Lagersystems wie Mauthausen mit der NS-Besatzungspolitik deutlich.

Für die Insassen war "Vernichtung durch Arbeit" vorgesehen

Das KZ Mauthausen wurde 1938 unmittelbar nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich errichtet. Es war das einzige KZ der Stufe III, der schlechtesten Kategorie. Auf Anweisung von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei, war die Einweisung nach Mauthausen für "schwerbelastete, unverbesserliche und auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale Schutzhäftlinge" bestimmt, deren "Rückkehr unerwünscht" war. Für sie war die "Vernichtung durch Arbeit" vorgesehen.

In den meisten Fällen geschah dies durch die harte Arbeit in einem Steinbruch, dem Zentrum des KZ Mauthausen. Die Häftlinge mussten mehrmals täglich Granitblöcke über 186 Stufen 31 Meter nach oben schleppen - die sogenannte "Todestreppe" war der Ort zahlreicher Unfälle und Morde an Häftlingen, verübt durch Kapos und die SS-Wachmannschaft.

Gerhard Botz, Alexander Prenninger, Regina Fritz, Heinrich Berger (Hg.): Mauthausen und die nationalsozialistische Expansions- und Verfolgungspolitik (Band 1). Böhlau-Verlag, Wien 2021. 420 Seiten, 45 Euro.

Häftlinge wurden auch wahllos von den Wänden des Steinbruchs hinuntergestoßen, ihre Mörder von der SS prägten den Ausdruck "Fallschirmspringerwand". Insgesamt wurden zwischen der Errichtung des Lagers im August 1938 und der Befreiung durch die US-Armee im Mai 1945 etwa 190 000 Männer, Frauen und Kinder inhaftiert, mehr als 90 000 kamen ums Leben.

In der Zusammenschau einer Vielzahl von individuellen Schicksalen wird ein differenziertes Bild der Verfolgungen sowie des Lebens und Überlebens in einem Konzentrationslager möglich. Erstmals wird die Vielfalt der Häftlinge aus 40 Nationen empirisch dargestellt. Waren es bis zum Kriegsbeginn vor allem Gefangene aus dem deutschsprachigen Raum, so wandelte sich dies nach 1939: Von Norwegen und Dänemark bis nach Spanien, vom Baltikum über Polen und Ungarn bis nach Griechenland wurden Wege von Häftlingen nachgezeichnet.

Die Kennzeichnung der Nationalität auf ihrer Kleidung bestimmte die Überlebenschancen maßgeblich. Häftlinge mit slawischer Muttersprache waren im KZ wesentlich schlechtergestellt als solche aus Nordeuropa. Kriegsgefangene aus der Sowjetunion konnten in der Regel nur kürzeste Zeit überleben. Im KZ Mauthausen waren auch viele republikanische Spanier inhaftiert.

Ein eigener Beitrag widmet sich den weiblichen Gefangenen im KZ Mauthausen, das von der SS als "Männerlager" konzipiert wurde. Ihr Anteil war mit 4,25 Prozent tatsächlich gering, sodass bisher dieser Häftlingsgruppe in der Forschung wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden war. Auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler entstand in Mauthausen im Juni 1942 das erste von zehn Häftlingsbordellen.

Diese national gemischte Lagergemeinschaft in Mauthausen und seinen Außenlagern war so nicht von der NS-Führung geplant, sondern das Ergebnis einer ganz Europa erfassenden Verfolgungs- und Ausbeutungspolitik des Nationalsozialismus. Deshalb trägt das Buchprojekt auch den übergeordneten Titel "Europa in Mauthausen".

Alexander Prenninger, Regina Fritz, Gerhard Botz, Melanie Dejnega (Hg.): Deportiert nach Mauthausen (Band 2). Böhlau- Verlag, Wien 2021. 711 Seiten, 45 Euro.

Insbesondere im zweiten Band wird der tägliche Kampf ums Überleben einprägsam deutlich. Dort finden die Schilderungen der ehemaligen KZ-Häftlinge breiten Raum, werden eingebettet in die politischen Entwicklungen. Es blieb den Autorinnen und Autoren überlassen, wie sie die Wege der einzelnen Häftlinge oder von Gruppen nach Mauthausen beschrieben. Darin liegt eine der Stärken des Buchprojekts, weil es auch eine Vielfalt an Perspektiven bietet.

Insgesamt ist eine komplexe Übersicht entstanden, die mit diesen beiden ersten Bänden aber nur einen ersten Einblick bietet. Erst wenn die beiden weiteren Bände in den kommenden zwei Jahren veröffentlicht worden sind, wird dieses ambitionierte Projekt abgeschlossen sein. Entstanden ist dann ein historisches Grundlagen- und Standardwerk über das Lagersystem Mauthausen, das Anstoß für weitere Forschungsarbeiten etwa über Sinti und Roma bieten will.

Befreite Häftlinge werden als "Landplage" diffamiert

Die Herausgeber wollen mit diesem Mammutwerk nicht nur Geschichtsaufarbeitung betreiben, sondern aufklären angesichts des "europaweiten Aufschwungs rechtspopulistischer Bewegungen und Regierungen und deren geschichtsrevisionistischer Tendenzen". In ihrem Vorwort nehmen sie Bezug auf "neonazistische Schmierereien in Gedenkstätten wie Mauthausen, Angriffe auf Teilnehmer von Gedenkveranstaltungen wie in Ebensee und Herabwürdigung von befreiten Häftlingen als 'Landplage'".

Letzteres bezieht sich auf einen Artikel in einer der FPÖ nahestehenden Zeitschrift, in dem es hieß, aus dem KZ Mauthausen befreite Häftlinge seien "raubend und plündernd, mordend und schändend" durch das "unter der 'Befreiung' leidende Land" Österreich gezogen.

Die Publikation findet zu einem Zeitpunkt statt, in dem über Formen des Gedenkens öffentlich diskutiert wird. Erst Anfang Mai kaufte die Republik zentrale Orte des ehemaligen Lagers in Gusen, wo sich etwa der Appellplatz befand, um sie in eine Gedenkstätte einzubeziehen. Die Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Mauthausen am 16. Mai fand in diesem Jahr ohne Politiker der Kanzlerpartei ÖVP statt - weil diese die Veranstaltung als "parteipolitisch missbraucht" ansah. Der Streit darüber zeigt, wie sehr die Vergangenheit in die Gegenwart reicht.

© SZ/rop
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