Maueropfer Des Erinnerns ist jeder würdig

Die Biographien der Mauer-Opfer sind so unterschiedlich wie das Leben. Darum muss auch der Grenzsoldaten gedacht werden, die hier starben. Sie sind Opfer wie alle anderen.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Offenbar ist nach dem Tod nicht jeder gleich, nicht jedes Opfer wie das andere Opfer - zumindest, wenn es um die Toten an der Berliner Mauer geht. Das in dieser Woche erschienene "Biographische Handbuch" über die Todesopfer an der Berliner Mauer von 1961 bis 1989 weist 136 Todesopfer aus. Darunter, in einem Sonderteil des Buches behandelt, auch die acht Grenzsoldaten, die in Erfüllung ihrer Dienstpflicht umkamen.

DDR-Grenztruppen an der deutsch-deutschen Grenze in Berlin: Wer will entscheiden, wer Täter, wer Opfer war?

(Foto: Foto: ap)

Sie sind Opfer, das haben die Autoren des Handbuches geklärt. Und doch lautet die auch am heutigen Mauergedenktag schwierige Frage: Sind diese acht des Erinnerns unwürdige Opfer, während alle anderen des Erinnerns würdig sind?

Im Herbst soll an der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße in einem "Fenster der Erinnerung" den Opfern der Grenze mit Foto und Namen gedacht werden. Es wird der zentrale Gedenkort für die Maueropfer in der Bundesrepublik werden.

Das erklärte Ziel der Initiatoren war, den Opfern hier ein Gesicht zu geben, eine Geschichte, sie zu lösen von Zahlen und Statistiken. Wer das biographische Handbuch liest, wird höchst unterschiedliche Menschen, mit höchst unterschiedlichen Hintergründen kennen lernen.

Das gilt sowohl für die erschossenen Flüchtlinge, wie für die, die nur zufällig an der Mauer den Tod fanden. Es ist das Verdienst der Autoren, diese Biographien sachlich und unideologisch aufbereitet zu haben.

Wie die der acht getöteten Grenzsoldaten. Einer wurde versehentlich erschossen, weil er für einen Flüchtling gehalten wurde. Ein anderer wurde bei einem Schusswechsel mit der West-Berliner Polizei von einem Querschläger tödlich verletzt. Wieder ein anderer wurde von einem Flüchtenden aus nächster Nähe erschossen. Der Schütze kam später im Westen wegen Mordes ins Gefängnis. Die Geschichten der Grenzer, sie sind so unterschiedlich wie die der 128 anderen Opfer.

Diese acht aber werden nicht in das Fenster der Erinnerung aufgenommen, diesen acht dürfen ihre Angehörigen nicht an zentraler Stelle gedenken. So hat es der Beirat der Stiftung Berliner Mauer kürzlich nach intensiver und durchaus ernsthafter Diskussion beschlossen.

Es habe die Gefahr bestanden, dass die Öffentlichkeit das "Fenster der Erinnerung" als Ehrenmal wahrnehme, wurde argumentiert. Und dass sich Angehörige von getöteten Flüchtlingen davon verletzt fühlen könnten, wenn neben ihrem Kind, ihrem Bruder, ihrer Schwester diejenigen mit Bild und Namen zu sehen sind, die darauf trainiert waren, die Flucht aus der DDR zu verhindern.

Doch andererseits: Die Grenztruppe der DDR war keine Freiwilligeneinrichtung. Es gab Soldaten, die haben bewusst nicht oder daneben geschossen, es gab aber auch Soldaten, die haben ohne Rücksicht drauf gehalten. Es gab auch Flüchtlinge, die Grenzsoldaten erschossen haben, die später im Westen wegen Mordes oder Totschlages verurteilt wurden. Es gab auch Flüchtlinge, die sich durch die Flucht einer Strafverfolgung in der DDR entzogen haben.

Wer will da entscheiden, wer Täter, wer Opfer war? Es gibt hier kein ausschließlich Gut und ausschließlich schlecht, es gibt kein schwarz, kein weiß, sondern - wie immer im Leben - viele Grautöne.

Schon deshalb hätten die getöteten Grenzsoldaten mit in das "Fenster der Erinnerung" gehört. Es geht um Mahnung, nicht Ehrung. Es geht um Erinnerung an ein unmenschliches System, das nicht nur seine Gegner, sondern auch seine Unterstützer zu Opfern gemacht hat. Die Chance, dies deutlich zu machen, wurde vertan. Vielleicht braucht es noch ein paar Jahre, bis nach dem Tod endlich alle Opfer gleich sein dürfen.