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Deutsche Einheit:Ein Wunder, das Wunden geschlagen hat

Leipziger Montagsdemonstration vor 20 Jahren

Vor 30 Jahren marschierten in Leipzig die Montagsdemonstrationen - für Veränderungen, gegen Gewalt

(Foto: dpa)

30 Jahre nach den Montagsdemos marschiert Pegida, aus Hoffnung wurde Hass. Nicht wenige Menschen fühlten sich überrollt vom Aufbau Ost - und reagieren nun mit aggressiver Selbstanerkennung.

Vor dreißig Jahren begannen in der DDR die Montagsdemonstrationen. Sie waren der Auftakt zur deutschen Einheit. Wenn man ein Alphabet der bisherigen Einheitsgeschichte schriebe, dann wären diese Montagsdemos das große, beglückende und wundersam-friedliche Alpha. Und die Pegida-Aufmärsche wären womöglich das Omega, der letzte Buchstabe der bisherigen Einigungsgeschichte. Kann das, darf das sein?

Dreißig Jahre Einigungsgeschichte: Das ist eine Geschichte, die mit den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche beginnt und die hoffentlich mit Pegida und der AfD nicht endet. Die deutsche Einheit ist, anders als es in der Präambel des Grundgesetzes heißt, noch nicht "vollendet"; sie ist auch noch nicht ausbuchstabiert. Es wäre höchst sonderbar, wenn ausgerechnet die AfD, dominiert von Politikern aus dem Westen, sich erfolgreich zur Erbin der friedlichen Revolution und Protagonistin einer neuen Wende, der angeblichen "Wende 2.0" machen könnte. Diese von der AfD propagierte Wende ist in Wahrheit eine Rückwende zur DDR, zu ihrer Abschottungs- und Ausgrenzungspolitik, und zu noch älteren Zeiten.

Betrachten wir das Alpha: Es ist der erste Montag im September 1989. Das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche, das erste nach der Sommerpause, ist gerade zu Ende. Aber an diesem Montag gehen die Teilnehmer nicht einfach, wie sonst, wieder nach Hause. Zwei junge Frauen, Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns, verteilen Transparente an Demonstrationswillige. Sie selbst entrollen vor der Kirchentür ein Banner; auf ein weißes Bettlaken haben sie geschrieben: "Für ein offnes Land mit freien Menschen." Stasi-Beamte stürzen sich auf die Frauen, reißen das Transparent herunter. Es gibt Sprechchöre: "Wir wollen raus". Fernsehreporter aus dem Westen halten alles fest; sie sind eigentlich wegen der Leipziger Messe in der Stadt, hatten eine pauschale Drehgenehmigung für die ganze Stadt und waren von Demonstranten vorab informiert worden. Die Hauptausgabe der "Tagesschau" beginnt an diesem Tag so: "Guten Abend, meine Damen und Herren. In Leipzig ist es am Abend nach einem Gottesdienst in der Nikolaikirche zu einer Demonstration von mehreren Hundert Menschen gekommen. Auf Transparenten wurden mehr Freiheit und Rechte für DDR-Bürger verlangt. Rufe wie 'Stasi weg' und 'Mauer weg' waren zu hören."

Die Zahl der Montagsdemonstranten steigt von da an sprunghaft; es entfaltet sich, ganz ohne Handy, die Kraft der Hoffnung. Es gibt Demonstrationen in der ganzen DDR. Es gärt überall. Es gibt schwere Übergriffe der Volkspolizei, Hunderte Verhaftungen. Oppositionsgruppen skandieren nicht "Wir wollen raus", sondern "Wir bleiben hier", sie wollen Reformen durchsetzen. Das DDR-Regime ist hilflos.

Es beginnt die Zeit, in der die Angst die Seiten wechselt. Nicht mehr die Regierten, sondern die Regierenden haben sie. Zwei Monate nach der ersten Montagsdemo vor der Nikolaikirche ist die Mauer in Berlin offen. Aus dem Befreiungsruf "Wir sind das Volk" wird der Einheitsruf in den Westen: "Wir sind ein Volk".

Omega. Eine Generation später: Aus dem revolutionären Zaubertrank ist völkisches Gebräu geworden, mit Rassismus als Geschmacksnote. Es findet immer mehr Absatz, die AfD preist es an. Pegida-Demonstranten in Dresden führen einen Galgen mit, als Botschaft an die Kanzlerin und den Vizekanzler. Bei Einheitsfeiern bedrängt giftiger Mob die Politikerinnen und Politiker. In Chemnitz werden Ausländer gejagt. Völkische Politiker mit rechtsextremistischer Vergangenheit wie Andreas Kalbitz erfahren wachsende Zustimmung und steigen auf. Zu beklagen ist die Pervertierung des revolutionären Wandels in ein reaktionäres Gewerk, das aber auf nicht wenige Bürger anziehend wirkt.

Zwischen diesem Omega und dem Zauber des Anfangs liegen die Jahrzehnte des Aufbaus Ost. Die Einheit, die er gestalten sollte, ist ein Weltwunder der Moderne. Aber der Aufbau Ost verwundete die Hoffnungen auf das Soziale in der sozialen Marktwirtschaft, er schlug tiefe Wunden. Wunderwunden. Gewiss: Noch nie in der Weltgeschichte hat es ein so gewaltiges Hilfsprogramm gegeben. Aber vielen Menschen in den neuen Bundesländern war und ist es so, als sei ihr Leben unter diesem Billionenberg begraben worden. Die Einheit war die Erweiterung der alten Bundesrepublik, nicht die Vereinigung zweiter Staaten; die Bürgerinnen und Bürger wollten es 1989/90 auch so. Sie wussten nicht, was auf sie zukommt: Die einrückende Maschinerie der Marktwirtschaft fraß die Sicherheit, das Selbstvertrauen, den Stolz auf die Wende; sie fraß die Vorbilder, den staatlich verordneten Anti-Faschismus und die meisten Politiker der ersten und zweiten Wende-Stunde. Vor ein paar Jahren konstatierte Katrin Hattenhauer, die vor dreißig Jahren das erste Transparent einer Montagsdemo entrollt hatte: Man habe 1989 "das Land erobern wollen". Aber dann sei es anders gekommen: "Übernommen hat es dann ein System, das da war. Eine Demokratie, die existierte, sagte: 'Danke für deine Arbeit. Alles Weitere machen wir'."

Die Treuhandanstalt wurde Bad Bank der Einheit; sie übernahm das schmutzige Geschäft der Abwicklung und Privatisierung; sie sollte möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. Aber nur dreißig Prozent der ostdeutschen Beschäftigten hatten 1993 noch den gleichen Arbeitsplatz wie vor der Wiedervereinigung. Auch heute verdienen Vollzeitbeschäftigte im Osten 21 Prozent weniger als im Westen, schreibt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann in ihrem Buch "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen", das dieser Tage erscheint. Herrmann stellt fest: Bezahlt haben die Arbeiter und Angestellten, profitiert haben die Vermögenden. Nicht wenige Menschen aus der gewesenen DDR reagierten und reagieren mit aggressiver Selbstanerkennung und Fremdenhass.

Katrin Hattenhauer, die erste Montagsdemonstrantin, ist heute Künstlerin. Sie hat vor zehn Jahren bei den Einheitsfeiern am Brandenburger Tor den vielen jungen Leute dort zugerufen: "Nehmt euch die Freiheit, lebt eure Träume." Das beginnt damit, die völkischen Albträume zu überwinden. "Wo Grenzen sich öffnen, muss Denken sich erweitern" - so forderten es vor dreißig Jahren die Bürgerrechtler. Dafür ist es nie zu spät; für eine Politik, die den Menschen Anerkennung und Sicherheit verschafft, auch nicht.

Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.