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30 Jahre Mauerfall:Wunden der ostdeutschen Seele

Mauerfall

Rückblick auf die Jahre mit und ohne Mauer: Open-Air-Ausstellung zum Jahrestag des Mauerfalls in Berlin.

(Foto: dpa)
  • In einem Essay zeigt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk auf, wie sich Ostdeutschland seit dem Revolutionsjahr 1989 gewandelt hat.
  • Dabei steht die ostdeutsche Prägung und Frustration ganz im Mittelpunkt. Der Westen bleibt eine Randerscheinung.
  • Kowalczuks Argumentation lässt erkennen, warum AfD und Pegida im Osten so erfolgreich sind.
  • Das Buch ist fundiert und anregend, zeigt aber das Manko einer Debatte, die die Gegenwart in Ostdeutschland noch immer ganz überwiegend aus der DDR-Vergangenheit erklärt.

Rezension von Tim Schanetzky

Seit dem Zusammenbruch der DDR sind 30 Jahre vergangen, und noch nie waren Wende und Wiedervereinigung so umstritten wie heute. Vor der Sommerpause demonstrierten das zwei parlamentarische Anträge: Die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt möge der Bundestag in einem Untersuchungsausschuss aufklären. Ursprünglich stammte die Idee von der Linkspartei, die darin eine Voraussetzung für die "emotionale Einheit und den inneren Frieden" sah. Wenig später zog die AfD nach; das "Trauma der Ostdeutschen" müsse aufgearbeitet werden.

Dies untermauert gleich zwei Thesen aus Ilko-Sascha Kowalczuks neuem Buch: In postdiktatorialen Gesellschaften ist Geschichte immer ein "Kampfmittel". Entsprechend kommt es gar nicht darauf an, dass die Treuhand-Anträge von der Regierungsmehrheit abgelehnt wurden, weil wichtige Akten nun endlich zugänglich sind und die Erforschung der Privatisierung voranschreitet. Vielmehr dient die Treuhand als populistisches Symbol für all die Ungerechtigkeiten, die frühere DDR-Bürger in der Bundesrepublik erlebten.

Seit 1990, so Kowalczuk, habe sich ein stabiler Anteil der ostdeutschen Wählerschaft von Populisten angesprochen gefühlt - anfangs von Helmut Kohls Wohlstandsversprechen, in der Krise danach von den lokalen Kümmerern der PDS und später der Linkspartei, schließlich von den völkisch-nationalen Tönen der AfD.

Den Ursachen für diesen demokratiepolitischen Sonderweg will das Buch nachspüren, das Kowalczuk mit Bedacht als Essay bezeichnet. Als Historiker einer der besten Kenner des Umbruchs von 1989/90 und zudem ein ausgewiesener Experte für die Geschichte der DDR, argumentiert er immer auch autobiografisch.

Kowalczuk ist ein typischer Vertreter jener Generation von DDR-Bürgern - gerade Anfang zwanzig -, der sich nach dem Fall der Mauer viele neue Chancen eröffneten. Später konnte sie mit Nostalgie umso weniger anfangen. Dieser Pragmatismus durchzieht sein Buch, das sich etwa mit der Treuhand-Geschichte nur kurz aufhält und stattdessen herausstellt, dass Filetstücke der DDR-Wirtschaft wie die Banken und Versicherungen oder die Stromversorgung ohnehin auf ganz anderen Wegen ins Eigentum ihrer Besitzer aus dem Westen gelangten.

In der Rückschau entdeckt Kowalczuk in seinen eigenen Positionen der 1990erJahre einen moralischen Rigorismus, der ihm heute unpassend erscheint. Entsprechend sensibilisiert durchmisst er dann die Etappen des Revolutionsjahres 1989 und die Umbrüche danach, schildert souverän die Ausgestaltung des Beitritts zur Bundesrepublik, Selbst- und Fremdbilder wie die zügige Konstruktion "des Ostdeutschen", den umfassenden Elitenaustausch und den geschichtspolitischen Streit, die wirtschaftliche Übernahme ebenso wie die soziale Katastrophe der Massenarbeitslosigkeit. Das hat den Anspruch einer Gesamtdarstellung und stellt die ostdeutsche Prägung und Frustration ganz in den Mittelpunkt.

Zwang zur Mobilität

Dass seit 1990 nicht nur Arbeitsplätze privatisiert oder abgewickelt wurden, sondern soziale Strukturen einer Gesellschaft untergingen, die sich wesentlich über Arbeit definiert hatte, sei im Westen bis heute unverstanden geblieben.

Eine der ersten und prägenden Demokratieerfahrungen bestand für Millionen Ostdeutsche im Zwang zu einer Mobilität, die der Westen damals nur in Ausnahmefällen aufzubringen gedachte - sei es in Form von Abwanderung, sei es durch jene Herauslösung aus dem sicheren Alltag, der mit der massenhaften Frühverrentung, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und den "Maßnahmen" der aktiven Arbeitsmarktpolitik einherging.

Hinzu traten längerfristige Prägungen: Demokratie war in der DDR einerseits als Selbstbezeichnung gebräuchlich, diente andererseits dazu, die Ordnung der Bundesrepublik verächtlich zu machen. Das hinterließ Spuren. Auch war in der DDR im Gegensatz zum Westen kein Platz für eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust, gab es dort weiter Nationalismus und Antizionismus als Staatsdoktrin. Hingegen unterschied sich die DDR im gesellschaftlich verankerten und staatlich geförderten Rassismus kaum vom alten Westen, obwohl die Zahl der Migranten dort verschwindend gering war.

Der Westdeutschland erstarrt im Klischee

Lange Linien der deutsch-deutschen Geschichte und Frustration nach 1990: Für Kowalczuk erklärt deren Zusammenspiel die heutige Proteststimmung in Ostdeutschland. Diese habe auch ihr Gutes, weil sie jahrzehntealte Verständigungsprobleme ans Licht bringe.

So sei etwa die DDR-Aufarbeitung nach dem Motto betrieben worden: "Wenn ihr die Diktatur verstanden habt, seid ihr für die Demokratie gerüstet, könnt sie gestalten und seid für immer und ewig immun gegen Extremismus." Die gegenwärtige Entwicklung zeige, dass diese maßgeblich von Bürgerrechtlern vertretene Position an den Bedürfnissen des Publikums weithin vorbeigegangen und diese besondere Form der Demokratieerziehung erstaunlich wirkungslos geblieben sei.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. Verlag C.H. Beck, München 2019. 319 Seiten, 16,95 Euro. (erscheint am Mittwoch, 28. August)

Kowalczuks Essay ist fundiert, anregend - und doch ein unfreiwilliger Beleg für die Stagnation einer Debatte, die demnächst in ihr viertes Jahrzehnt eintritt. Noch immer will sie die Gegenwart in Ostdeutschland ganz überwiegend aus der DDR-Vergangenheit erklären. Für inzwischen 30 gesamtdeutsche Jahre mangelt es offenbar an einem analytischen Gerüst, das Erzählungen komplexerer Art für eine - bei allen Unterschieden und ungleichen Ausgangsbedingungen - gemeinsame Geschichte tragen könnte.

Dass sich der Westen ebenfalls grundlegend wandelte, wie dies mit den "Lasten der Einheit" zusammenhing und was der Anteil der von Kowalczuk zwar gern angeführten, aber nicht näher betrachteten Globalisierung gewesen sein mag - man erfährt es nicht, denn der Westen bleibt eine Randerscheinung und erstarrt im Klischee.

Ein Beispiel: Die zügige Abwicklung des DDR-Kalibergbaus vergleicht Kowalczuk mit den westdeutschen Steinkohlesubventionen, mit deren Hilfe es gelungen sei, das Ruhrgebiet von einer "Industrieregion in eine Kultur-, Wissens- und Erlebnisregion" zu verwandeln.

Anerkennung freilich setzt Selbstanerkennung voraus

Das klingt nicht nur schief, wenn man die überschuldeten Kommunen, ihre marode Infrastruktur oder gar die Arbeitslosigkeit betrachtet, die in Dortmund, Essen oder Gelsenkirchen zwischen zehn und 13 Prozent liegt - fast doppelt so hoch wie der ostdeutsche Durchschnitt. Es nimmt auch jene Debatte nicht zur Kenntnis, welche in der Dauersubventionierung ein wichtiges Hindernis des Wandels erblickt, weil sie das Denken in großindustriellen Strukturen konserviert und Anspruchsdenken gefördert habe.

Sogar für das wichtigste Argument des Buches wäre ein genauerer Blick hier instruktiv gewesen, denn immer wieder macht die "Übernahme" deutlich, dass es ja nicht allein auf Subventionen, hübsch sanierte Altstädte oder funktionierende Verwaltungen angekommen sei. Vielmehr habe der Westen dem Osten systematisch die Anerkennung verweigert, auch dort, wo ein symbolisches Miteinander einfach zu haben gewesen wäre, etwa bei der Revision des Grundgesetzes.

Anerkennung freilich setzt Selbstanerkennung voraus, das sagt Kowalczuk deutlich. Anhand der heutigen Wahrnehmung des Ruhrgebiets als Kulturregion hätte er genau das demonstrieren können. Diese steht schließlich ganz am Ende eines jahrzehntelangen Prozesses, der mit der "Industriekultur" genau das in den Mittelpunkt der Identitätsstiftung stellte, was den regionalen Minderwertigkeitskomplex lange genährt hatte.

Für Ostdeutschland argumentiert die "Übernahme" nämlich genauso - Anerkennung wird nicht gewährt, sondern will erkämpft sein. So erklärt das Buch auch den Erfolg von Pegida und AfD in Ostdeutschland: Momentan erwecken sie erfolgreich den Eindruck, diesen Kampf aufgenommen zu haben.

Tim Schanetzky lehrt als Privatdozent Neuere und Neueste Geschichte in Jena und leitet dort ein Forschungsprojekt zur Geschichte der politischen Bildung.

© SZ vom 26.08.2019/gal
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