Massensuizid in Demmin 1945 Wie die Zutaten einer Festtagssuppe

Am 1. September 1939 wird Starcke als Kriegsberichterstatter mit der Wehrmacht die Grenze nach Polen überschreiten. "Letzte große Prüfung des Schicksals", notiert er und dokumentiert eine Gemütslage zwischen Ergebenheit und Selbstaufgabe. Für viele Deutsche gab es mit dem Beginn des großen Krieges nur noch Führer und Fügung, Triumph oder Tod.

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Das alles ist nicht neu, aber selten so eindrücklich beschrieben worden. Wo das historische Sachbuch durch Liebe zur Jahreszahl und nüchterne Faktenlast überzeugt, wählt Huber die historische Reportage. Im Ton eines Moritaten-Erzählers begleitet er die kleinen Leute durch den Malstrom der Ereignisse ohne zu sehr zu psychologisieren. Die privaten Aufzeichnungen, die der Autor größtenteils im Deutschen Tagebucharchiv eingesehen hat, sind zunächst noch voll von Liebeserklärungen an den Führer. Später werden Rasierklingen, Revolver, Zyankali gegeneinander abgewogen wie die Zutaten einer Festtagssuppe.

Kurz vor Kriegsende empfahl Goebbels im Fall einer Niederlage den Selbstmord

Der Frage, wie es so weit kommen konnte, stellt Huber eine Dramaturgie gegenüber, die zwar beharrlich um das Thema Schuld kreist, sich aber einfachen Antworten verweigert. Spätestens mit dem Beginn des Feldzugs gegen die Sowjetunion 1941 sickern Angst und Zweifel in den kollektiven deutschen Rausch.

Es ist keine plötzliche Erkenntnis, kein Fingerschnippen nach Hypnose, sondern ein langsames Verwittern von Glauben. Da ist der Schwager, der aus dem Osteinsatz im besetzten Polen zurückkehrt und im Zimmer Schneisen zieht, die Hände auf den Ohren, brüllend, weil er die Schreie übertönen musste, die er nicht aus dem Kopf bekommt. "Kein Deutscher war auf Erzählungen von Dritten angewiesen, wenn es um den Abtransport der Juden ging", konstatiert der Autor.

Kurz vor Kriegsende trifft Gerhard Starcke in der Ulanenkaserne auf Joseph Goebbels. Der eröffnet ihm, im Falle einer Niederlage solle er nicht zögern, die Familie und sich selbst zu töten. Starcke, der nun in die ideologische Leere blickt, die er als Kriegsberichter so lange und willfährig gefüllt hat, flüchtet in amerikanische Gefangenschaft.

Die meisten von Hubers Protagonisten sind Davongekommene. Ihre Tagebucheinträge enden lange nach 1945. Sie sind kleine Leute, die meisten weder Helden noch Verbrecher. Wo aber die Realität sich dieser dankbaren Dichotomie verweigert, bleibt oft nur Schweigen. "Wie ein Vorhang" legte es sich nach Kriegsende über die Wirklichkeit, schreibt Huber.

Später, in der DDR, besteht kein Interesse, den Großen Bruder Russland vor den Kopf zu stoßen, indem man an ein Kapitel von Barbarei und Vergeltung rührt. In Demmin erinnert heute ein Findling auf dem Friedhof an die Zeit, in der den Deutschen der Lebenssinn abhandengekommen war. Für alle Ortsfremden gibt es dieses Buch.

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