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Massaker an Armeniern im Ersten Weltkrieg:Überraschende Volte zugunsten Erdoğans Image

Trotzdem stellen Erdoğans Äußerungen eine Zeitenwende dar. Jahrzehntelang war die partielle Ausrottung der armenischstämmigen Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges ein Tabu in der Türkei. Wer es wagte, die Causa zu hinterfragen oder die Tötungen gar einen "Völkermord" zu nennen, musste um seine Freiheit fürchten. So bekam es der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wegen "Beleidigung des Türkentums" mit der Justiz zu tun (hier mehr dazu). Nationalisten wollten den Schriftsteller sogar ermorden, so wie sie es mit dem Istanbuler Journalisten Hrant Dink getan haben (hier mehr dazu).

Starker Mann in der Türkei: Premier Erdoğan

(Foto: AFP)

Als Dink durch die Kugeln eines Attentäters starb, amtierte Erdoğan schon seit Jahren in Ankara - wobei er heute als umstrittener denn je gilt. Die AK-Partei des Premiers hat zwar bei den Kommunalwahlen ihre Macht gefestigt (hier mehr dazu), doch das Image Erdoğans und seines Lagers haben durch Korruptionsskandale (hier mehr dazu), Twitter-Sperre und den brachialen Kampf gegen die Justiz (hier mehr dazu) empfindlich gelitten.

Mit seiner Volte in der Armenien-Causa verschafft sich Erdoğan Luft: An seinen Ruf als konservativer Modernisierer aus seinen ersten Regierungsjahren knüpft er damit an. Indem er die Massaker selbst thematisiert, vermeidet er, als Getriebener dazustehen, ist es doch absehbar, dass die historische Debatte im In- und Ausland 2015 anschwellen wird, wenn sich der Beginn der Massaker zum 100. Mal jährt.

Seinen Kritiker schlägt er damit ein wohlüberlegtes Schnippchen: Die kemalistischen Eliten stehen als Ewiggestrige da, ähnlich wie die von Erdoğan verhasste Justiz. Auch den progressiven Intellektuellen und Anhängern der Gezi-Park-Bewegung nimmt er damit Wind aus den Segeln. Erdoğan denkt wohl auch an die türkische Präsidentenwahl im August.

Positive Presse erhält der Premier inzwischen auch: Türkische Medien werteten die Erklärung als überraschend. Der bekannte türkische Kolumnist Etyen Mahcupyan, der armenische Vorfahren hat, würdigte den Schritt Erdoğans als "sehr wichtig". Wenngleich eher symbolisch, handele es sich bei dem Schritt um eine Premiere.

Dass auch ohne Zutun des Premiers in der Türkei das finstere Kapitel aufgearbeitet wird, zeigte sich an diesem Donnerstagmorgen in Istanbul. Dort versammelten sich Menschenrechtsaktivisten am Bahnhof Haydarpasa, wo im Jahr 1915 die Deportation der Armenier begonnen hat.

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© SZ.de/dpa/beitz/gba
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