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Infektionsschutz:Die Maske auf dem Prüfstand

Nandlstadt - Erster Spatenstich Gerwerbegebiet West II, MASKENPFLICHT - medizinischer Mundschutz mit bayerischem Rautenmuster

Einfache Stoffmasken wie diese halten viele Tröpfchen ab, die aus Mund und Nase fliegen. Kleinste Partikel unter einem Millionstel Meter allerdings stoppt das Material oft nicht. Die Frage ist, ob das ein Problem darstellt.

(Foto: Johannes Simon)

Viele Forscher halten den Mund-Nasen-Schutz weiter für geboten. Dennoch gibt es Stimmen, die die Maskenpflicht abschaffen wollen - und andere, die wesentlich bessere Masken fordern.

Von Kathrin Zinkant

Bei den einen baumelt sie längst nur noch am Ohr. Andere tragen sie neuerdings als Kinnschutz. Und wieder andere holen ihre Maske erst dann aus der Tasche, wenn sie vom Supermarkt- oder Bahnpersonal dazu aufgefordert werden. Wozu denn noch dieses Ding vors Gesicht spannen, das die Brille beschlagen lässt, nach Minuten unangenehm feucht wird und eine verständliche Kommunikation praktisch unmöglich macht?

Die Infektionszahlen in Deutschland sinken. In einigen Regionen des Landes gibt es fast keine bestätigten Ansteckungen mit dem neuen Coronavirus mehr. Mecklenburg-Vorpommern meldete laut Robert-Koch-Institut (RKI) zuletzt drei Fälle, und das binnen einer Woche. Im Vergleich zu den USA, die die Kontrolle über den Erreger komplett verloren zu haben scheinen, nimmt sich die Pandemie in der Bundesrepublik derzeit eher aus wie ein Pandemiechen - Schlachthöfe ausgenommen. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Landespolitiker ihrer coronamüden Bevölkerung entgegenkommen und sie vom täglichen Griff zum Mund-Nasen-Schutz befreien würden. Und so tobt sie nun, die nächste Corona-Debatte, dieses Mal um ein Stück Stoff. Soll man es lassen? Oder, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Montag forderte, weiter auf den Mund-Nasen-Schutz setzen, auch beim Einkauf im Supermarkt?

Ohne die Masken wären die Infektionszahlen nicht so weit zurückgegangen

Aus Sicht der Prävention ist die Antwort klar und ziemlich kurz: Ohne die Masken wären die Infektionszahlen nicht so weit zurückgegangen, zahlreiche Studien unterstreichen ihre Bedeutung - auch wenn es für viele Menschen jetzt so aussehen mag, als sei der Schutz gar nicht nötig gewesen. Das Präventionsparadox lässt grüßen.

Doch nichts in dieser Krise ist so einfach, wie manche Experten es sich wünschen würden. Denn gerade mit Blick auf das immer noch sehr neue Virus existiert in manchen Fragen nicht der übliche wissenschaftliche Konsens. Befeuert werden könnte die Maskendiskussion deshalb nun aus einer weiteren Richtung. Die allgemeine Maskenpflicht zielt nämlich auf einen Schutz vor einer sogenannten Tröpfcheninfektion ab, also einer Übertragung des Virus durch bis zu fünf Millionstel Meter kleine Flüssigkeitströpfchen. Sie werden beim Husten, Niesen und oft auch Sprechen ausgestoßen und sinken im Abstand von wenigen Metern zu Boden, wenn sie nicht durch eine Maske daran gehindert werden.

Kleinere Tröpfchen von einem Millionstel Meter und weniger werden von den üblichen OP- und Stoffmasken dagegen nicht hinreichend gefiltert - und es gibt Wissenschaftler, die inzwischen überzeugt davon sind, dass das Coronavirus sogar vornehmlich durch solche Aerosole aus dem Atem über die Luft übertragen wird. Auch über längere Strecken, ähnlich wie zum Beispiel Masern oder Windpocken. Und eben auch durch einfache Masken hindurch, um die es in der aktuellen Debatte geht.

Am Montag ist in einem Fachblatt nun ein Offener Brief erschienen, in dem knapp 240 Forscher aus 32 Ländern die Weltgesundheitsorganisation dazu auffordern, Aerosole als Übertragungsweg anzuerkennen und konsistente Empfehlungen zum Schutz abzugeben. Zum Beispiel, in geschlossenen Innenräumen Masken zu tragen, die auch vor Aerosolen schützen. Die Unterzeichner sind zu einem großen Teil Gebäude- und Umweltingenieure, Chemiker und Physiker - es finden sich nur wenige Fachleute für Epidemiologie oder Virologie darunter. Dennoch könnte der Aufruf durchgreifende Folgen haben, falls die WHO ihn erhört.

"Wenn wir von einer Aerosolübertragung ausgehen müssten, hätten wir ein völlig anderes Szenario für den Infektionsschutz als bisher", sagt der Bonner Infektiologe Peter Walger, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und zugleich deren Sprecher. In den Kliniken wären aufwendigere, teurere Masken und strengere Maßnahmen nötig, so wie es in den Regularien der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am RKI für durch die Luft übertragene Erreger vorgesehen ist. Und in der Öffentlichkeit? Stünde die Stoffmaske zur Disposition - dieses Mal, weil sie doch eh nicht schützt.

Walger sieht allerdings keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass das Coronavirus im Wesentlichen durch allerfeinste Tröpfchen übertragen wird und Menschen auf diesem Weg infiziert. Die Hinweise aus den bislang veröffentlichten Studien seien zumeist experimentell, wenn auch interessant im Zusammenhang mit Einzelereignissen. Geschlossene Lüftungskreisläufe in engen Räumen mit vielen Menschen und eine hohe Luftfeuchtigkeit könnten aber dazu führen, dass sich auch normale Tröpfchen über mehr als ein oder zwei Meter verbreiten. Mit einer Aerosolübertragung im eigentlichen Sinn hat das nach Ansicht des Experten nichts zu tun.

"Wir sehen sehr klar, dass diese Maßnahmen eine Ansteckung fast immer verhindern."

"Wenn dieses Virus wie die Masern durch die Luft übertragen würde, hätten wir in Heinsberg oder in den Schlachthöfen nicht viele Fälle gehabt", sagt Walger. "Es wären restlos alle krank geworden." Auch die Schutzmaßnahmen durch einfache OP-Masken und Abstandsgebote in den Krankenhäusern wären verpufft. "Wir sehen aber sehr klar, dass diese Maßnahmen eine Ansteckung fast immer verhindern." Walger hält es dennoch nicht für völlig abwegig, die Maskenpflicht unter genau definierten Bedingungen zu lockern. "In Regionen, die nur noch ein geringes Infektionsgeschehen haben, könnte man auf den Mund-Nasen-Schutz beim Einkaufen vielleicht vorerst verzichten", sagt der Infektiologe. Wichtig sei aber, die Situation genau zu beobachten und bei einem Anstieg der Infektionszahlen auch wieder auf eine allgemeine Maskenpflicht zurückzugreifen. "Die Leute sind doch nicht dumm", sagt Walger. Wenn unabhängig von der tatsächlichen Situation an allgemeinen Maßnahmen festgehalten werde, würde nur die Zahl der Zweifler wachsen.

Anders sieht es hingegen der vormalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Gerd Fätkenheuer von der Universitätsklinik in Köln. "Wir sehen ganz klar an Beispielen wie der Schweiz oder Israel, wie hoch das Risiko für eine rasante Wiederzunahme der Infektionszahlen ist", sagt Fätkenheuer. Die Masken hätten in Studien eindrücklich gezeigt, dass sie eine erhebliche Schutzwirkung entfalten. "Ich finde es persönlich auch nicht angenehm, eine Maske zu tragen", sagt der Infektiologe. Dennoch sei der Mund-Nasen-Schutz im Vergleich mit anderen Einschränkungen eine Lappalie. "Mir ist völlig unverständlich, wie auch nur daran gedacht werden kann, diese extrem einfache und wirksame Maßnahme aufzugeben", sagt der Infektiologe. Seiner Ansicht nach müsse das Tragen von Masken im Alltag eher noch stärker propagiert werden.

Auch für Walger steht letztlich fest, dass Masken unverzichtbar bleiben, eben weil sie Schutz bieten. "Wichtig ist, dass wir in Krankenhäusern, Altenheimen und bei Zusammenkünften vieler Menschen auf engem Raum weiterhin auf den wirksamen Schutz durch Masken und Abstandsgebote zurückgreifen können."

© SZ vom 07.07.2020/jael
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