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Masern:Gröhe erhöht Druck auf Eltern

Der Gesundheitsminister will mehr Impfungen. In diesem Jahr ist die Krankheit in Deutschland bereits mehr als 400 Mal ausgebrochen.

Von Kim Björn Becker

Es ist ein kleiner Piks, ein leichtes Ziehen in der Haut: Die meisten Impfungen werden mit der Nadel verabreicht, die Prozedur dauert nur wenige Sekunden. Obwohl Experten seit Jahren immer wieder ausdrücklich zum Impfen raten, sind noch immer viele Kinder nicht ausreichend gegen manche Krankheiten geschützt - vor allem die Masernviren verbreiten sich seit Jahresbeginn rasend. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will darum rasch den Druck auf die Eltern erhöhen.

Der CDU-Politiker kündigte ein neues Gesetz an, wonach Kitas den Gesundheitsämtern in Zukunft melden müssen, "wenn Eltern die Impfberatung verweigern". Das versetze die Gesundheitsämter der Städte und Gemeinden in die Lage, gezielt auf diese Eltern zuzugehen, sagte Gröhe der Rheinischen Post. Konkret sollen die Einrichtungen bei der Anmeldung eines Kindes prüfen, ob es gemäß der geltenden Empfehlungen geimpft ist. Wenn nicht, sollen sie dies dem Amt mitteilen. Die geplante Reform ist bereits vom Kabinett beschlossen worden und wird gerade im Bundestag beraten. Gröhe kündigte an, sie werde bereits "im Sommer" in Kraft treten.

Nach geltendem Recht ist es in Deutschland den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder zum Beispiel gegen Masern impfen lassen oder nicht. Da die Impfquoten bei einigen Krankheiten stagnieren oder sogar rückläufig sind, zeigen sich Experten alarmiert. Vor zwei Jahren hatte Gröhe erstmals damit gedroht, im Zuge des geplanten Präventionsgesetzes eine Impfpflicht einzuführen. Inzwischen ist ein neues Gesetz in Kraft, doch statt einer Pflicht setzte der Gesetzgeber dann doch lieber auf sanften Druck: Seitdem müssen alle Gesundheitsuntersuchungen für Kinder und Erwachsene dazu genutzt werden, dass der Arzt die Impfungen überprüft.

Vor allem die Masern bereiten Ärzten und Gesundheitsämtern derzeit Sorgen: Zwischen Jahresbeginn und dem 9. April registrierten die Behörden bundesweit 462 Fälle der meldepflichtigen Viruserkrankung. Im gesamten vergangenen Jahr waren es nur 325 Fälle. Das für Impfungen zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin kritisiert, dass viele Kinder nicht oder zu spät geimpft werden. Demnach haben nur knapp drei Viertel aller im Jahr 2013 geborenen Kinder in ihren ersten zwei Lebensjahren die empfohlenen zwei Masern-Impfungen erhalten. Damit seien bis zu 180 000 Kinder eines Jahrgangs nicht ausreichend geschützt. Ein "unhaltbarer Zustand" sei das, schimpfte RKI-Präsident Lothar Wieler kürzlich. Bei den Schulanfängern waren im selben Jahr knapp 93 Prozent geimpft. Allerdings gilt erst eine Quote von 95 Prozent als ausreichend, um die Masern auszurotten.

Bereits heute können einige Kitas entscheiden, dass sie nur geimpfte Kinder aufnehmen - um damit die Gruppe sowie das Personal vor Infektionen zu schützen. Eine bundesweit einheitliche Regelung in dieser Sache gibt es allerdings nicht.

© SZ vom 29.04.2017

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