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Philippe Martinez:Anführer der Widerspenstigen

Gewerkschafter Philippe Martinez

(Foto: AFP)

Der Gewerkschaftsboss Martinez ist in Frankreich Präsident Macrons gefährlichster Gegenspieler. Und er hat kein Interesse an einem schnellen Ende des Konflikts.

Es ist neu für Philippe Martinez, dass ihn die französische Regierung umschmeichelt. Er wolle sich, sagte Premier Édouard Philippe jüngst, unbedingt bei den Gewerkschaften bedanken. Ihrem professionellen Ordnungsdienst sei es zu verdanken, dass es vergangene Woche bei den ersten großen Demonstrationen gegen die Rentenreform der Regierung weitgehend friedlich zuging. Das ist man seit den anarchischen Gelbwesten-Protesten nicht mehr so gewohnt in Frankreich.

Gewerkschaftlich organisierte Streiks, an denen sich Hunderttausende beteiligen, auch nicht. Genau darin liegt für Martinez, den Chef der radikalen Gewerkschaft CGT, die größte Genugtuung in seinem Kampf gegen Präsident Emmanuel Macron und dessen Regierungschef: Er flößt Frankreichs mächtigen Männern plötzlich Respekt ein - und hat sich vor der detaillierten Präsentation des Rentenplans an diesem Mittwoch zu ihrem gefährlichsten Gegner aufgeschwungen.

Bis vor Kurzem sei ihm Premier Philippe mit arrogantem Lächeln begegnet, sagt Martinez. "In den letzten Tagen hat er nicht mehr so gelächelt." Und hatte nicht Macron seine Landsleute einmal als "widerspenstige Gallier" bezeichnet, die sich gegen jede Veränderung sträubten? Martinez, der mit seinem markanten Schnauzbart entfernt an den Comic-Gallier Asterix erinnert, gibt gern den Anführer der Widerspenstigen. Er sieht darin auch die Chance, den Niedergang der einst mächtigen CGT zu stoppen. Je härter die Blockade, desto größer der Elan für die marxistisch geprägte Gewerkschaft. So lautet das Martinez-Paradox.

Er persönlich ist nicht populär in Frankreich. Für einen Arbeiterführer ist er spärlich mit Charisma und Redetalent gesegnet. Die Demonstrationen und Streiks, zu denen er bisher aufrief, erfuhren wenig Unterstützung. Nun aber geht es um ein Thema, das alle Franzosen betrifft: die Rente. Da folgen viele dem Verweigerungskurs. Vor allem in den Staatsfirmen und im öffentlichen Dienst, wo die CGT teils noch gut verankert ist.

Der Gewerkschaftsboss sucht die Konfrontation, an deren Ende es einen Verlierer geben muss - Macron oder ihn. Martinez hat in den vergangenen Jahren manche Demütigung erlebt. Macron hat die Gewerkschaften in seinen ersten Amtsjahren wie ein lästiges Relikt des 20. Jahrhundert behandelt. Die Liberalisierung des französischen Bahnmarkts konnte die CGT nicht verhindern. Sie verlor ihren Rang als größte Gewerkschaft des Landes an die reformbereite CFDT. Dann kamen auch noch die Gelbwesten und machten Frankreichs ältester Gewerkschaft vor, wie erfolgreicher Fundamentalprotest heute funktioniert.

"Halten durch, bis die Reform zurückgezogen ist"

Martinez wittert die Möglichkeit, all diese offenen Rechnungen zu begleichen. Der Sohn spanischer Einwanderer, der als Facharbeiter beim Autohersteller Renault begann, wird wie immer ruhig im Ton bleiben, aber hart in der Sache. "Wir halten durch, bis die Reform zurückgezogen ist", sagt er. Martinez will keinen Kompromiss, auch nicht, wenn die Regierung für die Umstellung auf das neue System 20 Jahre Übergangsfrist einräumt. Er glaubt, dass Macrons Plan sinkende Renten und längere Lebensarbeitszeit für alle bedeutet. Am schärfsten ist der Widerstand unter jenen CGT-Mitgliedern, die heute in vorteilhaften Sonderrentenkassen organisiert sind, etwa für Bahnmitarbeiter.

Fraglich, ob Martinez über die Verteidigung dieser Klientel hinaus etwas gegen das Grundübel französischer Gewerkschaften ausrichten kann: Sie repräsentieren kaum mehr zehn Prozent der Arbeitnehmer im Land. Martinez konnte den Mitgliederschwund der CGT bisher nicht stoppen. In den vergangenen Tagen habe es aber merklichen Zulauf gegeben, behauptet er. Martinez hat demnach kein Interesse an einem schnellen Ende des Konflikts. Zugleich warnt er: Sollte die Blockade des Landes länger andauern, sei das allein die Schuld der Regierung. Macron soll sich beugen.

© SZ vom 11.12.2019/mkoh
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