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Martin Selmayr:Der Bad Boy aus Brüssel

Martin Selmayr

Gewiss kein Allmächtiger, aber als Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bestimmt Martin Selmayr maßgeblich die Agenda der europäischen Behörde.

(Foto: AFP)

Provokateur, Juncker-Vertrauter, Twitter-Fan: In nur wenigen Jahren hat es der Jurist Martin Selmayr ins Zentrum der Macht geschafft. Als Teilnehmer des Brexit-Dinners sorgt er jetzt bei den Briten für Aufsehen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Selmayr und Gott? Antwort: Gott denkt nicht, Selmayr zu sein. Das ist natürlich ein Witz, wie es viele gibt in Brüssel. Und doch fasst er ganz gut zusammen, was der ein oder andere von Martin Selmayr hält. Der deutsche Jurist ist der mächtigste Beamte in Brüssel. Er ist gewiss kein Allmächtiger, aber als Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bestimmt der 46-Jährige maßgeblich die Agenda der europäischen Behörde, die so politisch sein will wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Selmayr polarisiert. Und genau das liebt er.

Gerade erst löste er in London Empörung aus, jedenfalls sehen die Briten das so. Vergangene Woche war Juncker zu Gast bei der britischen Premierministerin Theresa May. Selmayr war als enger Vertrauter beim Abendessen dabei. Nun wird er in London dafür verantwortlich gemacht, dass die pikantesten Details des Brexit-Dinners in einer Zeitung nachzulesen waren. Beweisen lässt sich das nicht, aber die Geschichte beschreibt, wie an der Spitze der Brüsseler Kommission über die britischen Brexiteers gedacht wird: Machen die so weiter, wird das ein Desaster. Und zwar für alle Beteiligten.

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Andere beschreiben Selmayr als überzeugten Europäer

Selmayr ist es gewohnt, den bad guy zu spielen. In Brüssel schlägt ihm eine Mischung aus Bewunderung und Argwohn entgegen. Die ehemalige Haushaltskommissarin Kristalina Georgiewa sprach davon, dass Selmayr die Arbeitsatmosphäre "vergiftet". Manche Kommissare klagen, dass er entscheide, wer zu Juncker vorgelassen werde. Andere wiederum beschreiben Selmayr als überzeugten Europäer, der äußerst effektiv arbeite und alles dafür tue, damit die EU das bleibt, was sie ist: ein einzigartiges Friedensprojekt.

In nur wenigen Jahren hat es der Jurist mit Doktortitel der Uni Passau ins Zentrum der Macht geschafft. Er leitete das Bertelsmann-Büro in Brüssel, war Sprecher und Kabinettschef der Luxemburger Kommissarin Viviane Reding. Als deren Landsmann Juncker Spitzenkandidat der Konservativen bei der Europawahl 2014 wurde, suchte dieser einen Wahlkampfleiter. Junckers Wahl fiel auf Selmayr; gute Freunde aus Politik und Medien hatten ihm den Deutschen empfohlen. Nach der Wahl wurde er Junckers Stabschef.

Nun ist Halbzeit. Noch zweieinhalb Jahre wird Juncker im Amt sein. Er hat die Kritik an Brüssel satt, und so versuchen er und Selmayr, die EU-Staaten stärker in die Verantwortung zu ziehen. Oft treibt es Selmayr auch aus Berliner Sicht sehr weit. Als er bei den Griechenland-Verhandlungen twitterte, dass ein Vorschlag aus Athen eine "gute Basis für Fortschritt beim Eurogipfel" sei, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble, dass es einem Beamten nicht zustehe, öffentlich Kommentare abzugeben. Nach dem Brexit-Gipfel twitterte Selmayr nun, dass formelle wie informelle Gespräche mit London erst nach der britischen Wahl beginnen würden. Vom Brexit-Dinner kein Wort.

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