An einem Mittwoch im August treffen sich die Südthüringer Landsenioren, und für die CDU gibt es mindestens zwei Gründe, mit dabei zu sein. Da ist einmal der Kuchen, der für das Jahrestreffen gebacken wird. „Der beste hier in der Gegend“, wie eine junge Frau aus der Entourage des CDU-Spitzenkandidaten Mario Voigt sagt. Zugleich taugen die vielleicht 150 pensionierten Landwirtinnen und Landwirte hier im Kulturhaus einer Agrargenossenschaft in Reurieth offenbar gut, um das Profil des Wahlkämpfers Voigt zu schärfen.
Der Verband der Südthüringer Landsenioren beschreibt sich selbst als überparteilich, ihr Vorsitzender Albert Seifert lässt jedoch wenig Zweifel daran, wo sie politisch nicht stehen. In seiner Rede verwehrt er sich dagegen, dass die Bauernproteste mit den Klimaprotesten verglichen werden. „Mit solchen Nichtsnutzen auf eine Stufe gestellt zu werden“, das sei ehrenrührig. „Haben die ihr Geld eigentlich mit ehrlicher Arbeit verdient, oder kommt das von einer dieser Umweltorganisationen?“
Mario Voigt ist an diesem heißen Nachmittag zwar der einzige Spitzenkandidat für die Landtagswahl hier. Sonderlich begeistert von seiner Anwesenheit zeigt sich aber kaum einer. Doch Voigt, 47, will der nächste Ministerpräsident von Thüringen werden. Da muss er genau hierhin. Denn „die Auseinandersetzung lautet CDU oder AfD“, betont Voigt immer wieder.
Die CDU selbst hat am kommenden Sonntag in Thüringen alle Chancen, stärkste Partei zu werden – nach der AfD. Den Umfragen zufolge würden derzeit 22 Prozent der Wähler für die Christdemokraten stimmen, 18 Prozent für die Wagenknecht-Partei BSW und nur 14 Prozent für die Linke, die mit Bodo Ramelow den Regierungschef stellt. Die SPD bewegt sich knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Da keine der demokratischen Parteien mit der AfD koalieren will, spricht auch vieles für einen Ministerpräsidenten Mario Voigt. Es wäre der erste von der CDU seit zehn Jahren.
Doch es ist vertrackt: Rund 40 Prozent der Wähler haben angegeben, noch unentschlossen zu sein. Sahra Wagenknecht wiederum hat Koalitionsverhandlungen des BSW mit potenziellen Partnern an die Haltung zu Waffenlieferungen für die Ukraine geknüpft. Zugleich hat Mario Voigt für die CDU Regierungsbündnisse mit gleich drei Parteien ausgeschlossen: AfD, Linke und Grüne. Es ist also eine Art Blind Date, das da auf einen möglichen Wahlsieger Voigt zukäme. „Der Wähler wird uns schon genau sagen, was möglich ist“, sagt er im Gespräch. „Sicher ist, dass eine stabile Regierung nur mit der CDU geht.“
„Hier im kleinen Sonneberg herrscht eine Stimmung, die will ich nicht in ganz Thüringen haben“, sagt eine CDU-Kandidatin
Deshalb kämpft Voigt besonders um die Stimmen potenzieller AfD-Sympathisanten; die Partei kommt in den Umfragen ziemlich stabil auf knapp 30 Prozent. Reurieth, wo sich die Senioren treffen, liegt im Landkreis Hildburghausen; Voigt und seine Mitarbeiter sind an diesem Mittwoch außerdem noch in Sonneberg unterwegs. Die beiden Landkreise an der bayerischen Grenze sind Hochburgen der Rechtsextremen in Thüringen.
In Hildburghausen kam kürzlich ein deutschlandweit bekannter Neonazi in die Stichwahl um das Amt des Landrats. Er verlor zwar – aber mit fast 25 Prozent der Stimmen. In Sonneberg wiederum stellt die AfD seit dem Sommer vergangenen Jahres ihren ersten und bislang einzigen Landrat. In manchen Vorgärten des Kreises wehen Flaggen der in Thüringen als rechtsextrem eingestuften Partei. „Hier im kleinen Sonneberg herrscht eine Stimmung, die will ich nicht in ganz Thüringen haben“, sagt die CDU-Direktkandidatin Beate Meißner, die Voigt auf seiner Wahlkampftour begleitet.
Zur Mittagszeit ist auf dem Hof von QSIL Ingenieurkeramik im Kreis Sonneberg ein „Belegschaftsgrillen“ angesetzt. Das Unternehmen produziert Hochleistungskeramik, die unter anderem in der Chipproduktion gebraucht wird. Ein Arbeiter aus der Gießerei, befragt nach der Stimmung, sagt: „Sonneberg versumpft so langsam.“ Er macht das am mutmaßlichen Drogenhandel auf einem Kinderspielplatz fest. Und daran, dass die Polizei nichts dagegen tue. Außerdem das mit den Fliegengittern in der Schule dauere schon Ewigkeiten. „Ist scheiße alles, was können wir ändern.“ Er habe trotzdem die CDU gewählt, „mit Briefwahl“.
Mario Voigt hat sich derweil eine schwarze Schürze umgebunden, darauf steht: „Bei mir brennt nichts an.“ Er dreht und wendet die Rostbratwürstchen, so richtig ins Gespräch kommt er dabei nicht mit der Belegschaft. Dafür ist das Fazit des Geschäftsführers nach dem Firmen-Rundgang zwar knapp, aber doch positiv: „Interessiert, nah an den Leuten, war gut.“

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Nachdem alle Mitarbeiter mit Würsten versorgt sind, hält Voigt eine kurze Ansprache. Sie ist nicht wirklich notierenswert, das ist häufiger so bei Voigts Reden. Er lobt die Belegschaft, die etwas ganz Besonderes könne. „Damit machen Sie die Welt besser.“ Er sagt, „wir brauchen wirklich einen Regierungswechsel, damit es wieder vorangeht.“ Voigt hat in Politikwissenschaften promoviert und bei zwei Bundestagswahlkämpfen für die CDU mitgearbeitet. Was er öffentlich sagt, wirkt teils wie einstudiert. Vor dem Besuch bei QSIL ließ er seinen Fahrer außer Sichtweite anhalten und ging den Rest des Weges zu Fuß. „Wir fahren nicht vor, wir kommen vorbei“, hieß das im Wahlkampf von Gerhard Schröder 1998.
Profil hat Voigt vor allem durch seine Auseinandersetzung mit Björn Höcke gewonnen. Als er sich im vergangenen April auf ein Fernsehduell mit dem Spitzenkandidaten der Thüringer AfD einließ, war die Kritik massiv: Er würde einem Rechtsextremisten eine Plattform bieten, um sich selbst bekannter zu machen. Tatsächlich gelang es Voigt aber auch den Moderatoren der Sendung, dass sich Höcke mehrfach in Widersprüchen verfing. Doch auch diese Zuspitzung führte dazu, dass diese Wahl inzwischen als Schicksalswahl gilt. „Die Wahl entscheidet, wie das Leben der Menschen in diesem Land aussehen wird“, sagt Voigt.
Auch bei den Senioren in Reurieth weiß der Wahlkämpfer Voigt, was er zu sagen hat. Er wettert gegen die Grünen, die einem nur Vorschriften machen wollten und würdigt die Bauernproteste: „Da haben sich Menschen auf den Weg gemacht, die echte Sorgen haben.“ Voigt erzählt außerdem, dass seine Familie aus einem kleinen Dorf hier in Südthüringen stamme, er verstehe die Menschen. „Wir sind ein geselliges Völkchen und wir halten zusammen.“ Doch so richtig mag Voigt nicht verfangen. Der CDU-Direktkandidat Henry Worm appelliert in seiner Rede schon fast flehentlich an die versammelten Rentner: „Wir sollten die wählen, die in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie verlässlich sind.“

