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Marine Le Pen vor der Präsidentschaftswahl:Vorkämpferin der Verbitterten

Marine Le Pen hat den Front National für neue Themen geöffnet - und erreicht damit vor allem junge Franzosen. Dabei rührt sie eine Melange aus nationalistischen Ressentiments und populistischer Globalisierungskritik an. Und will den Franzosen damit "noch 40 Jahre auf der Pelle" sitzen.

In einer Novembernacht des Jahres 1976 erschüttert eine Explosion das Haus im 15. Arrondissement von Paris, in dem die Familie Le Pen lebt. Die acht Jahre alte Marine schreckt aus dem Schlaf. Sie spürt eine unheimliche Kälte und Stille um sich. Das Zimmer ist mit Glasscherben übersät. Sie glaubt an ein Erdbeben. Dann hört sie die Stimme des Vaters, der nach Marine und deren Schwestern schreit: "Seid ihr am Leben?" Bald erfährt das kleine Mädchen, dass das Erdbeben ein Anschlag war, der seinem Vater galt. "So trete ich in die Politik ein, in ihrer gewalttätigsten, grausamsten und brutalsten Form", wird sie in ihrer Autobiografie schreiben.

FN-Vorsitzende Marine Le Pen

"Ihr werdet mich noch 40 Jahre auf der Pelle haben", sagt Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National.

(Foto: AFP)

Später erlebt Marine den Vater wieder als Opfer. Zum Beispiel, als ihn die Mutter verlässt. Vor allem aber, wenn ihn die politischen Gegner und die Medien attackieren. Auch sie selbst verspürt als Schülerin und Studentin eine "ständige Feindseligkeit", weil sie die Tochter Jean-Marie Le Pens ist, des Gründers der rechtsextremen Partei Front National. Das macht sie wütend - und schweißt sie mit dem Vater zusammen. Sie will ihn verteidigen, sucht Revanche an einer als feindselig wahrgenommenen Außenwelt.

Viele Jahre später, an diesem Dienstagabend, steht Marine Le Pen auf der Rednerbühne des Zenith, einer Pariser Konzerthalle. 7000 Menschen feiern sie enthusiastisch. "Marine, Marine", schreien sie und schwenken ihre Trikoloren. Auch ihr inzwischen 83 Jahre alter Vater ist gekommen. Marine weiß ihn um sich. Ein Lächeln gleitet über das volle Gesicht mit den schweren, ein wenig müden Zügen der zweimal geschiedenen Mutter dreier Kinder. 43 Jahre ist sie nun alt und führt ihre Partei als Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin. Sie steht jetzt da, wo bisher stets der Vater stand: an vorderster Front.

Sie beginnt zu sprechen und fasziniert die Menge sofort. Die Menschen buhen, wenn sie ihre Gegner vom konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy bis zum linksradikalen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon vorführt; und sie johlen, wenn sie alle ihre Gegner als korrupte Systemlinge abtut und ruft: "Ich bin die einzige Kandidatin der Nation. Ich bin die Stimme des Volkes."

Sarkozy bescheinigt sie eine "albtraumhafte" Bilanz

Das Weltbild, das die Front-Frau nun ausbreitet, ist furchtbar simpel, wird aber mit demagogischem Geschick verkauft. Hier stehen die Guten, die französischen Patrioten, "ein verletztes, aber ein mutiges Volk, ein würdiges Volk, ein großes Volk". Es wird bedroht von den Bösen, den "Profiteuren, Betrügern, Finanzhaien, dummen Technokraten, gierigen Ehrgeizlingen" und Politikern wie Sarkozy, die das Land dem "ultraliberalen globalen Finanzkapitalismus" opferten. Marine Le Pen droht: "Wir werden kämpfen." Die "System-Aristokraten" sollten sich darauf einstellen, dass nun das Volk an ihrem Tisch Platz nehme.

Als Hauptfeind hat die Kandidatin die EU ausgemacht, die den Franzosen ihre nationale Souveränität raube und ihnen eine ruinöse Sparpolitik aufzwinge. Aber auch Sarkozy habe eine "albtraumhafte" Bilanz vorzuweisen. Der Präsident habe nichts gegen eine Masseneinwanderung getan, die dazu führe, dass sich die Franzosen "wie Fremde im eigenen Haus" fühlten. So werde das Volk geschwächt, um es unterjochen und ausbeuten zu können.

Es ist eine Melange aus nationalistischen Ressentiments und populistischer Globalisierungskritik, die Marine Le Pen anrührt. Damit erweitert sie die Rezeptur des Vaters. Zu dessen Zeiten servierte der Front ein schwarzbraunes Gebräu aus Frankreich-zuerst, Fremdenfeindlichkeit, Law-and-Order-Parolen, Kolonial-Nostalgie und etwas Relativierung der Nazi-Verbrechen. Wirtschaftspolitisch gab er sich liberal und unternehmerfreundlich.

Mit diesem Angebot zog der alte Le Pen 2002 in die Stichwahl um die Präsidentschaft ein und bekam 17,8 Prozent der Stimmen. Seine Tochter löste ihn vor gut einem Jahr als Parteichefin ab, um noch erfolgreicher zu werden.

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