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Margarete Mitscherlich im Interview:"Ohne Angst würden wir fett"

Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich im Jahre 2009.

(Foto: dpa)

Margarete Mitscherlich war die Grande Dame der Psychoanalyse, Vorkämpferin des Feminismus und Analytikerin der Gegenwart. 2009 hat sie SZ.de ein langes, sehr persönliches Interview gegeben, das wir hier anlässlich ihres Todes noch einmal dokumentieren.

Margarete Mitscherlich-Nielsen wurde 1917 als Tochter einer Deutschen und eines Dänen geboren. Kurz vor ihrem 95. Geburtstag ist sie nun gestorben. Sie studierte in München, Heidelberg und Großbritannien und war als Ärztin und Psychoanalytikerin wissenschaftliches Mitglied des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und verschiedener Arbeitskreise. Gemeinsam mit ihrem 1982 verstorbenen Mann Alexander Mitscherlich veröffentlichte sie 1967 das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern". Die Weigerung der Deutschen, ihre nationalsozialistische Vergangenheit wahrzunehmen und zu verarbeiten, wurde von den beiden Medizinern als kollektives Verhalten diagnostiziert. 2009 gab sie in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend der Süddeutschen Zeitung ein Interview.

margarete mitscherlich foto: lena prieger das gupta

Margarete Mitscherlich 2009 in ihrer Wohnung.

(Foto: Fotos: Lena Prieger und Oliver Das Gupta)

SZ: Frau Mitscherlich, Sie und Ihr Mann Alexander haben das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" geschrieben - das berühmte Werk, das sich mit der Schwierigkeit der Deutschen beschäftigt, nach dem Krieg die NS-Zeit aufzuarbeiten. Sie sind Jahrgang 1917 und gehören somit zur betroffenen Generation. Haben Sie selbst getrauert?

Margarete Mitscherlich: Ach, wissen Sie, ich war oft sehr traurig, dass mir meine Ideale geraubt wurden. Ich wollte zu einer Gemeinschaft, zu einer Nation gehören, die ein achtenswertes Dasein führt. Stattdessen hat sich ein Abgrund von Grausamkeit aufgetan, der vorher unvorstellbar war. Meine Generation - mich inbegriffen - hat etwas sehr Wertvolles verloren. Wir haben Grund zu trauern, solange wir noch auf dieser Erde sind, auch um die ungezählten Menschen, die einer irrsinnigen Ideologie geopfert wurden.

SZ: Wie sah die Deutschlandliebe der jungen Margarete aus?

Mitscherlich: Ich war eine begeisterte Deutsche, ich liebte die deutsche Literatur. Mit zwölf Jahren habe ich behauptet, ich hätte sämtliche Dramen Schillers gelesen - und verstanden! Meine Geschwister haben mich ausgelacht. Ich war doch sehr deutsch (lacht). Wenn die Nationalhymne gespielt wurde, liefen mir die Tränen runter: "Deutschland, Deutschland, über alles ..."

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Nationalsozialismus

Wie Hitler an die Macht kam

Am 30. Januar 1933 Jahren ist Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen worden. Aufnahmen dokumentieren den Beginn der nationalsozialistischen Tyrannei, die in Krieg und Völkermord endete.

SZ: Bei der Machtergreifung Hitlers waren sie 15 Jahre alt. Bröckelte von da an Ihr Bild vom wunderbaren Heimatland?

Mitscherlich: Ja, das begann mit der NS-Zeit. Wie meine Freunde und meine Mutter habe ich während des Krieges immer BBC gehört. Da verging einem bald der Stolz auf das eigene Volk, trotz der Dichter, Denker und tollen Philosophen. Über vieles Üble, auch über Mordtaten wie die Vergasung der Geisteskranken, wussten wir durchaus Bescheid.

Aber trotz allem: Man hatte die Sprache, man war so erzogen, das Deutschsein war tief in einem drin. Man war - ob man will oder nicht - beteiligt, man war manchmal opportunistisch, sterben wollte man ja nicht. Darum hat man sich in gefährlichen Situationen angepasst. Und danach verachtete man sich dafür. Ja, getrauert habe ich immer.

SZ: Diesen Prozess haben Ihr Mann und Sie bei den meisten Deutschen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik vermisst und eingefordert: Der Blick zurück auf das Grauen, die Erinnerungsarbeit. Fühlten Sie sich auch schuldig, Frau Mitscherlich?

Mitscherlich: Nein, ich hatte nicht das Gefühl, Schuld zu haben. Wie es wirklich zuging in den KZ und vor allem in den Vernichtungslagern, dieses Ausmaß an Unmenschlichkeit hat sich niemand vorstellen können. Das war auch nie gesagt worden in der BBC während des Krieges. Ich meine, warum haben die Alliierten zum Teufel nicht die Bahnlinien in die KZ bombardiert? Es gibt so vieles, was man nachträglich nicht versteht.

SZ: Warum hat der Großteil der Deutschen in den Nachkriegsjahrzehnten nicht zurücksehen wollen?

Mitscherlich: Man stand einer Schuld gegenüber, die nicht zu verarbeiten war, nach der totalen materiellen und ideellen Zerstörung. Und das hat auch zu diesem Verdrängen geführt. Der Erste Weltkrieg war ja auch schon absurd und schrecklich genug gewesen. Aber die Schoah schien nicht verkraftbar zu sein.