Margarete Mitscherlich im Interview:"Adenauer war kein Nazi - und auch kein lupenreiner Demokrat"

SZ: Richard von Weizsäcker erinnerte sich in einem SZ-Interview an eine "Autoritätsglocke", die über der Republik während der Adenauer-Zeit lag.

willy brandt warschau kniefall dpa

"Was für eine ungeheuer bedeutungsvolle Geste!"- Bundeskanzler Willy Brandt kniet 1970 vor dem Ehrenmal für die jüdischen Toten des Warschauer Gettos.

(Foto: Foto: dpa)

Mitscherlich: Um genau zu sein: Es war die Glocke der Kleinbürger und Spießer. Denn eines hatte Hitler geschafft: Ein Volk mit Standesdünkel - Adel, Beamtentum, der Offiziersstand - wurde zu einer fast klassenlosen Gesellschaft. Schließlich hatten sich während der NS-Zeit alle Klassen gleichermaßen blamiert und versagt. Die alten Traditionen waren alle kaputt, darum war die spießbürgerliche Linie in der Bundesrepublik zu Beginn obenauf. Die dumpfe, sexualfeindliche Moral der Kirche wurde übernommen.

SZ: Können Sie das genauer beschreiben?

Mitscherlich: Außereheliche Sexualität war verpönt, Schwule wurden verfolgt, Abtreibung war strafbar. Es gab den berüchtigten "Kuppelparagraphen". Stellen Sie sich vor: Man durfte nicht mal zusammenwohnen, wenn man nicht verheiratet war! Diejenigen, die verwurzelt waren im rheinischen Katholizismus der Bonner Republik, haben hinter vorgehaltener Hand auch Willy Brandt verschmäht, schließlich war er nicht nur als Nazi-Gegner emigriert, sondern auch ein uneheliches Kind. Damals galt eben: "Gefallen ist gefallen." Adenauer provozierte Brandt, in dem er ihn "Willy Brandt alias Herbert Frahm" nannte.

SZ: Welche Faktoren waren für Sie entscheidend, dass Deutschland aus dieser konformistischen, muffigen Phase aufbrechen konnte?

Mitscherlich: Ich denke, wichtig war, dass die Deutschen immer mehr ins Ausland reisten. Dort wurden sie mit den Dingen konfrontiert, die sie in ihrer kleinbürgerlichen vermeintlich heilen Welt nicht sehen wollten - vor allem mit den Verbrechen von Nazi-Deutschland. Mit Deutschland wurde der Name Hitler und der Begriff Auschwitz verbunden. Die freie Presse war natürlich auch ein Faktor, dann kam die Entdeckung der Pille dazu - endlich löste sich diese hässliche Spießer-Moral.

SZ: Ein Jahr nach Adenauers Tod kamen die 68er. Wie haben Sie die Studentenbewegung erlebt?

Mitscherlich: Wir waren sehr zufrieden, als die Studenten kamen und sagten: "Wir können doch nicht weiter so tun, als wäre da nichts gewesen." Nur bei den Studenten ist mir sehr schnell auf die Nerven gefallen, wie sie darauf pochten, dass alle so denken mussten wie sie - auch ich. Das war wieder eine Ideologie, und es war intolerant.

Die 68er waren ja zum Teil durchaus auch - ich würde nicht sagen stalinistisch - aber schon sehr kommunistisch begeistert. Ich war ja auch immer eher links gesonnen. Aber jede Diktatur, jede Gewalt, das war etwas, was mir physisch unerträglich war. Und manche 68er übten auch in ihrem Denken eine gewisse Gewalttätigkeit aus. (laut) Und da kann man mich mit jagen!

SZ: Lagen denn auch einige der 68er auf Ihrer Couch?

Mitscherlich: Ja, ich habe sogar hier und da Studentenführer analysiert. Und ich denke gerade an eine bestimmte Person - das war einer der begabtesten Leute. Er war fähig, sich auch selbst in Frage zu stellen. Aber der hatte ebenso diese Periode der Intoleranz gehabt.

SZ: Und er hat sich wahrscheinlich inzwischen verändert?

Mitscherlich: Ich darf nicht sagen, wer es ist, aber er ist ein ideenreicher, bekannter Mann geworden. Das war damals schon absehbar.

SZ: Die 68er begehrten gegen eine Gesellschaft auf, die von Konrad Adenauer geprägt worden war. Die junge Republik hatte einen ersten Kanzler, der bis in die sechziger Jahre äußerst autoritär schaltete und waltete - trotzdem erinnert man sich heute vor allem an seine positiven Seiten.

Mitscherlich: Adenauer war kein Nazi - ein lupenreiner Demokrat war er natürlich auch nicht (lacht). Die Deutschen wollten ihn trotzdem. Das lag wohl daran, dass Deutschland nicht nur die verspätete Nation war, sondern auch die verspätete Demokratie. Vergleichen Sie uns mal mit den Engländern, die schon im 17. Jahrhundert ihren König geköpft haben! Deutschland musste also Demokratie lernen, und das tat es langsam.

SZ: Willy Brandt hat die von Ihnen geforderte Erinnerungsarbeit auf seine Weise forciert. Sein Kniefall von Warschau war ein Bild von Trauer.

Mitscherlich: Ja, absolut! Was für ein Moment, was für eine ungeheuer bedeutungsvolle Geste! Willy Brandt war ein eigenartiger Typ mit einer unglaublichen Begabung, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Ausgerechnet er, der vor den Nazis geflüchtet war, der nicht mitgemacht hatte, sondern gegen sie aus dem Untergrund agiert hatte, war der erste Kanzler, der Verantwortung gezeigt hat.

SZ: Sie haben Brandt persönlich kennengelernt. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?

Mitscherlich: Wissen Sie, er war mal mein Tischherr und er hatte wesentlich mehr Charme, als Sie denken. Brandt war gerade Kanzler geworden und der Spiegel-Chef Rudolf Augstein hatte uns eingeladen, um das im kleinen Kreise zu feiern. Mich hatte man neben ihn gesetzt. Die Art wie er Witze erzählt hat, war wirklich gekonnt.

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