Margarete Mitscherlich im Interview:"Jeder wusste, dass Juden in Massen erschossen wurden"

SZ: Seit 1949, dem Jahr, als die Bundesrepublik und die DDR gegründet wurden, leben Sie dauerhaft in Deutschland. Damals bekamen Sie einen Sohn von Alexander Mitscherlich, der zu jener Zeit noch mit einer anderen Frau verheiratet war. War es in den ersten Jahren dieser Republik schwer, allein ein uneheliches Kind großzuziehen?

margarete mitscherlich foto: lena prieger das gupta
(Foto: Foto: lp/odg)

Mitscherlich: Ich habe damals zuerst in Stuttgart, dann in Heidelberg mit Psychoanalyse und Psychotherapie zu arbeiten begonnen. Meinen Sohn habe ich nach einiger Zeit zu meiner Mutter nach Dänemark gebracht. Dort blieb er die ersten Jahre meistens, besuchte mich aber auch oder ich ihn. Ich habe meinen Sohn nie verborgen - im Gegenteil. In Dänemark war man ja weitgehend tolerant, und in Deutschland war es mir furchtbar wurscht, was man von mir hielt.

SZ: In Heidelberg hatten Sie ja schon während des Krieges studiert und waren unter anderem auch von der Gestapo verhört worden - weil Sie über die Nazis gelästert hatten. Wie war es, 1949 zurückzukommen?

Mitscherlich: 1944 war ich dort weggegangen, nach der Währungsreform kam ich zurück. Es war amüsant. In der etablierten Universität Heidelberg bestand die gleiche Hierarchie weiter, als sei nichts passiert. Die Herren hatten ja keine Ahnung, wie sehr sie verachtet wurden im Ausland. Sie hingen dem Glauben an: "Der Krieg ist vorbei, wir haben gehungert, aber jetzt brauchen uns ja die Amerikaner gegen die Russen." Eine naive Stimmung sondergleichen. Als Westdeutschland 1949 eine Verfassung bekam, konnten die Deutschen wieder reisen. Da haben sie erst gemerkt, wie es zuging, wenn man als Deutscher ins Ausland kam. Da waren sie empört, das hatten sie nicht erwartet.

SZ: Die Psychoanalyse war verfemt unter den Nazis - sie galt als "jüdische" Wissenschaft. Wie haben die Professoren, die schon während des Dritten Reiches auf ihren Lehrstühlen saßen, reagiert, als Menschen wie Alexander Mitscherlich und Sie mit der Psychoanalyse anfingen?

Mitscherlich: Man lehnte sie in den ersten Jahren ab. Das damals gängige Vorurteil über die Psychoanalyse war schon vor den Nazis, in den zwanziger Jahren, gefällt worden. Es lautete: Das ist keine Wissenschaft, es ist nicht zu beweisen, alles Phantasien. Also nicht nur, weil Sigmund Freud Jude war. Das wagte niemand zu sagen: Er ist Jude, deswegen wollen wir ihn nicht, das traute man sich anno 1950 nicht mehr, das hatten sie kapiert. Sie waren ja nicht ganz blöd. Aber was Alexander Mitscherlich in den Augen vieler zum Verräter machte, das war seine Teilnahme am Nürnberger Ärzteprozess (Anm. d. Red.: Mitscherlich dokumentierte die Verfahren gegen die NS-Mediziner 1946/47).

SZ: Haben Sie diese Anfeindungen auch noch in den fünfziger und sechziger Jahren zu spüren bekommen?

Mitscherlich: Natürlich! Alexander war zeitweise der bestgehasste Mann in der Medizin überhaupt. "Das ist ein Nestbeschmutzer", hieß es da: "Stimmt doch alles gar nicht, was der geschrieben hat." Darum bekam er ja zunächst auch keine Professur. Erst mit Hilfe von Max Horkheimer und Theodor Adorno in Frankfurt. Und das war nicht an der medizinischen Fakultät, sondern an der philosophischen.

SZ: Und dann haben Sie beide gemeinsam "Die Unfähigkeit zu trauern" veröffentlicht. Können Sie die Stimmung in den fünfziger Jahren beschreiben, die Sie und Ihren Mann dazu brachte, dieses Buch zu schreiben?

Mitscherlich: Die Leute sagten: "War da was? Da war doch nichts! Der Krieg ist vorbei, wir haben ihn verloren, das ist Jammer. Aber nun sind wir uns mit den Amerikanern ganz einig, wir stehen auf der richtigen Seite des Kalten Krieges. Und, ach die Nazis, ach ja, das war ein Irrtum, hatte ja aber auch manches Gute, Sie kennen ja die schönen Autobahnen."

SZ: Das war die Strategie des großen Verdrängens.

Mitscherlich: Man wollte sich absolut nicht damit beschäftigen, weder in den Schulen, noch in den Familien. Eins muss ich noch mal betonen: Es mag während der NS-Zeit in Deutschland den meisten nicht klar gewesen sein, wie systematisch in den Konzentrationslagern gemordet wurde - aber zumindest war bekannt, was im Osten passierte, die Tötungen von russischen Zivilisten, von sowjetischen Kommissaren und angeblichen Partisanen.

Das erzählten die Soldaten, die auf Urlaub waren. Jeder Deutsche wusste während dieser Zeit, dass die Juden in Massen erschossen werden. Männer, Frauen, Alte und Kinder. Es wurde massiv verdrängt. Und dass das nicht gut sein konnte, das merkte man ja in den Psychoanalyse-Sitzungen nach dem Krieg. Wenn überhaupt so jemand sich auf unsere Couch legte, dann hörte er schnell auf zu erzählen - denn damit wollte er nichts zu tun haben.

SZ: Heißt das, dass Sie auch Mörder behandelt haben?

Mitscherlich: Ich hatte nur Leute, die sagten: 'Ich habe gehört von dem und dem, dass er an solchen Sachen teilgenommen hat.' Dann gab es natürlich auch genügend Leute, die, wenn sie gekonnt hätten, noch immer für die Nazis gewesen wären. Aber das wagte natürlich in universitären und gebildeten Kreisen niemand offen zu äußern.

SZ: Half das deutsche Wirtschaftswunder bei der Verdrängung der NS-Zeit?

Mitscherlich: Selbstverständlich trug es dazu bei. Das Motto war: 'Wir sind wieder wer! Dank unserer Wirtschaftsmacht und gemeinsam mit den Amerikanern werden wir den Kommunismus besiegen. Hauptsache wir gedeihen.' In so einem Klima vergaß man schnell und gerne das, was in Auschwitz und anderswo passierte.

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