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Marco aus Uelzen:Urteil unter Druck

Balanceakt der türkischen Justiz: Das Urteil im Fall Marco will die diplomatischen Erregungen nicht erneut anfachen. Der Schuldspruch bleibt merkwürdig.

Ein Gericht in Antalya hat den Deutschen Marco Weiss zu gut zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, wegen des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen. Es ist ein merkwürdiger Schuldspruch, für den die Richter fast genau so lange gebraucht haben, wie die Bewährung dauert, die sie nun gegen den Lehrling aus Uelzen verhängten. Schon die Prozessdauer lässt ahnen, dass sich das Gericht stark unter Druck fühlte. Man muss sich nur daran erinnern, wie deutsche Politiker im Marco-Fieber von der türkischen Regierung verlangten, sie sollte zugunsten des jungen Mannes gefälligst ihre Justiz mäßigen - ganz so, als habe man vergessen, dass unabhängige Gerichte ein Demokratie-Kriterium sind.

Merkwürdig ist das Urteil aber vor allem deshalb, weil es einerseits zwar Marco Weiss immerhin des Missbrauchs einer Minderjährigen für schuldig erklärt, aber dies nur mit einer in einem solchen Fall eher milden Bewährungsstrafe ahndet. Auch dies lässt sich als Versuch eines Balanceakts deuten, der darauf zielt, die diplomatischen Erregungen, die der Fall ausgelöst hat, nicht erneut anzufachen.

In der Angelegenheit Marco W. war vieles außer Fassung geraten: Dazu gehörten zuerst die acht Monate Untersuchungshaft für den damals 17-Jährigen in einem türkischen Gefängnis. Später dann war der junge Mann nicht gut beraten, als er sein Schicksal als Sensation verkaufte. Das Buch mit dem Schlüssellochblick hinter türkische Gardinen war zwar ein Bestseller, vermutlich, weil mindestens ein Teil des Publikums allerlei Schlüpfrigkeiten erhoffte. Marcos deutsche Anwälte aber waren damals geschockt und legten ihr Mandat nieder. Sein türkischer Verteidiger forderte Freispruch. Der war kaum zu erwarten.