Baden-WürttembergCDU-Mann Hagel will Kretschmann beerben

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Manuel Hagel (CDU) will Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden.
Manuel Hagel (CDU) will Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden. Bernd Weißbrod/dpa

Der Grüne Cem Özdemir will Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden. Für die CDU geht der erst 36 Jahre alte Manuel Hagel ins Rennen. Wie stehen seine Chancen?

Von Max Ferstl und Roland Muschel, Stuttgart

Knapp eineinhalb Jahre ist es her, dass Manuel Hagel zum ersten Mal öffentlich über das „politische Erbe von Winfried Kretschmann“ nachdachte. Da stand er auf der Bühne in der Reutlinger Stadthalle und wollte die Delegierten der baden-württembergischen CDU davon überzeugen, dass sie ihn zum Landesvorsitzenden wählen, mit gerade einmal 35 Jahren.

Sollte einer im Saal leise Restzweifel an Hagels Qualifikation gehegt haben, so verflogen diese spätestens in jenem Moment, als er über Kretschmann sprach, den grünen Ministerpräsidenten. Dessen Vermächtnis, rief er, werde „bei uns in guten Händen sein“. Der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg kommt aus der CDU, das war die offensive Botschaft.

Was im allgemeinen Jubel unterging, war die Kleinigkeit, dass Hagel nicht erwähnte, wer genau dieser Erbe sein soll. Für die Beobachter im politischen Stuttgart steht zwar schon lange fest, dass Hagel diese Aufgabe höchstpersönlich zu übernehmen gedenkt. Andererseits hat er diesen Anspruch offiziell nie formuliert – bis zu diesem Samstag. Da trat er in Friedrichshafen vor rund 150 Mandats- und Funktionsträger der Südwest-CDU und kündigte an, dass er der nächste Spitzenkandidat werden wolle, der nächste Ministerpräsident. „Wir werden nicht alles anders, aber vieles ambitionierter machen“, sagte er der SZ. Dass ihn ein Parteitag am 17. Mai bestätigt, gilt als gesichert.

Den Regierungssitz betrachtete die Union lange als ihr Eigenheim

Hagel ist fast ganz oben angekommen. Ein letzter Schritt, eine Landtagswahl im März 2026, trennt ihn vom Gipfel der Landespolitik – und der liegt in Baden-Württemberg auf einem Hügel im Stuttgarter Osten. Dort befindet sich die Villa Reitzenstein, der Sitz des Staatsministeriums. Jahrzehntelang hat die CDU den Regierungssitz als eine Art Eigenheim betrachtet – bis Kretschmann kam, ausgerechnet ein Grüner, und die christdemokratische Hegemonie im Südwesten beendete.

Die Wahlniederlage von 2011 hat die CDU in eine Identitätskrise gestürzt. Bis dahin hatte die Partei in dem eigenwilligen Selbstverständnis gelebt, dass es durchaus ernst zu nehmende politische Konkurrenz gibt – aber halt in den eigenen Reihen. Kaum ein Landesverband hat sich derart erbitterte Kämpfe geleistet wie die Südwest-CDU Anfang der 2000er-Jahre, Traditionalisten gegen Modernisierer, Erwin-Teufel-Anhänger gegen Günther-Oettinger-Fans. Um die Gräben von damals zuzuschütten, brauchte es ernüchternde Jahre in der Opposition, drei Wahlniederlagen in Serie – und einen aufstrebenden Landtagsabgeordneten aus Ehingen in Oberschwaben, der sich anschickte, eine steile Karriere hinzulegen, erst als Generalsekretär, später als Fraktionschef.

Vor allem war Hagel in seinen ersten Jahren als parteiinterner Diplomat gefordert, er versammelte die Streithähne in Kaffeerunden, befriedete Konflikte, beschwor immer wieder Geschlossenheit. Dass er selbst zu jung war, um in der wilden Zeit dabei gewesen zu sein, hat ihm zusätzliche Glaubwürdigkeit verliehen. Es spricht für Hagels Geschick, dass es ihm gelang, die CDU weitgehend geräuschlos hinter sich zu vereinen – und auf seine Person auszurichten. Ohne Hagels Zustimmung dringt wenig nach draußen, schon gar keine Lästereien.

Nur keine Fehler machen, nur nicht stolpern

Es ist nun an ihm, die Schmach der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte zu tilgen. Und die CDU wieder zu jener Partei zu machen, die sich einst nicht ohne Grund „Baden-Württemberg-Partei“ nannte. Die Ausgangslage könnte grundsätzlich kaum besser sein. Bei der Bundestagswahl hat die CDU in Baden-Württemberg 31,6 Prozent und damit das beste Ergebnis aller Landesverbände geholt. Es ist sicher kein Zufall, dass Hagel bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin für die CDU als Leiter des Bereichs Digitales mitmischte.

In den Umfragen fürs Land liegen die Christdemokraten so klar vor den Grünen, dass schon sehr viel schiefgehen müsste, damit der künftige Ministerpräsident nicht Manuel Hagel heißt. Hagel ist der große Favorit, er weiß das. Und wenn der Eindruck der vergangenen Monate nicht ganz täuscht, hat er sich eine Strategie der Zurückhaltung verordnet. Nur keine Fehler begehen, die Konkurrenz muss aufholen, er darf nur nicht stolpern.

Die Grünen stellen zwar den Ministerpräsidenten, sind also gewissermaßen Titelverteidiger, gehen aber gleichzeitig als krasse Außenseiter in dieses Rennen. Dass sie noch an ihre Chance glauben, hat praktisch ausschließlich mit einem zweiten Mann zu tun, der sich Kretschmanns Erbe ebenfalls zutraut: Cem Özdemir, dem designierten Spitzenkandidaten der Grünen. Von ihm stammt der Satz, man müsse Kretschmann nicht kopieren, sondern kapieren. Und in dieser Disziplin sieht sich Özdemir durchaus im Vorteil – und Hagel in der Position des Erbschleichers.

Nach den traumatischen Ampel-Jahren dürften es die Grünen schwer haben

An Bekanntheit und Profil reicht außer Kretschmann kein anderer Landespolitiker an Özdemir heran. Er ist aktuell noch geschäftsführender Bundeslandwirtschafts- und Bildungsminister und gilt als exzellenter Redner. Allerdings tritt Özdemir für eine Partei an, die nach traumatischen Ampeljahren erhebliche Abwehrreaktionen in weiten Teilen der Bevölkerung hervorruft. Vieles dürfte nun davon abhängen, ob die grünen-kritische Grundstimmung anhält. Die Südwest-Grünen wiederum setzen darauf, dass es jetzt die Union sein wird, die in der Regierung mal den ein oder anderen Fehler macht.

Einen Anti-Grünen-Wahlkampf wird Hagel jedenfalls nicht so leicht führen können wie die Union im Bund. Schließlich regieren CDU und Grüne in Baden-Württemberg seit 2016 miteinander. Bislang durchaus harmonisch. Zwar versteht sich Hagel bestens mit FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, auch über eine mögliche Deutschland-Koalition wird in der CDU nachgedacht. Aber trotzdem kann es sein, dass Hagel am Ende die Grünen braucht, um Kretschmanns Nachfolger zu werden.

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