Die Videos der tödlichen Fahrt sind natürlich längst im Netz, oder zumindest Ausschnitte davon. Da sind zum Beispiel die Aufnahmen der Überwachungskamera, die Mannheims große Einkaufsstraße filmt, die Planken. Zu sehen sind die Stühle eines Restaurants, eine schwarze Markise, Passanten. Zu sehen ist auch, dass manche den Kopf drehen, als plötzlich ein schwarzes Auto wie ein Geschoss die Straße entlangrast.
Am Ende dieser Fahrt sind zwei Menschen tot und elf weitere verletzt, zum Teil schwer. Der Fahrer, ein 40-jähriger Mann, wird festgenommen. Gegen ihn wurde am Dienstagabend Haftbefehl erlassen, wegen zweifachen Mordes und mehrfachen versuchten Mordes. Zurück bleiben eine Stadt im Schockzustand – und viele Fragen.
Was ist über die Tat bekannt?
Den Ablauf der Todesfahrt haben die Ermittler inzwischen präzise rekonstruiert, mithilfe der Videoaufnahmen und von Augenzeugen. Davon gibt es viele, denn am Rosenmontag sind zahlreiche Mannheimer in der Mittagszeit auf den Planken unterwegs. Das Wetter ist gut, und viele wollen den Fasnachtsmarkt mit seinen Imbissbuden und Fahrgeschäften besuchen.
Gegen 12.14 Uhr biegt ein schwarzer Ford auf die Einkaufsmeile ein und rast sie mit hoher Geschwindigkeit entlang, mehrere Hundert Meter weit. Auf Höhe des Paradeplatzes erfasst das Auto mehrere Menschen. Eine 83-jährige Frau und ein 54-jähriger Mann sterben. Der Fahrer habe die Passanten „bewusst erfasst“, sagt am Abend die Mannheimer Polizeipräsidentin Ulrike Schäfer. Eine gezielte Attacke also.

Das verbeulte Fahrzeug finden die Beamten um 12.26 Uhr, der mutmaßliche Täter flieht zu Fuß. Um 12.43 entdecken ihn die Beamten gut einen Kilometer vom Tatort entfernt. Kurz bevor sie ihn festnehmen können, verletzt er sich selbst mit einer Schreckschusspistole. Die Ermittler gehen von einem Suizidversuch aus. Er muss ins Krankenhaus, hat es aber inzwischen wieder verlassen und befindet sich in Polizeigewahrsam.
Was weiß man über den mutmaßlichen Täter und sein Motiv?
Der Fahrer ist ein 40-jähriger Mann aus Rheinland-Pfalz. Gemeldet war er zuletzt in Ludwigshafen, Beruf: Landschaftsgärtner. Den Behörden war der mutmaßliche Täter bekannt, vor zehn Jahren verbüßte er laut Staatsanwaltschaft eine kurze Freiheitsstrafe, 2018 musste er wegen eines Hassposts eine Geldstrafe zahlen. Hinzu kommt ein Fall von Trunkenheit am Steuer.
Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass es sich bei der tödlichen Fahrt um eine extremistische oder religiös motivierte Tat handelte. Es gebe stattdessen „konkrete Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung“, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Deshalb besteht nun ein zentraler Aspekt der Ermittlungsarbeit darin, die medizinischen Unterlagen des Mannes zu sichten und auszuwerten.
Am Montagabend durchsuchten Ermittler die Wohnung des Tatverdächtigen. Am Dienstag wollen sie den Mann vernehmen. Im Auto selbst wurde ein rätselhafter Zettel gefunden, auf dem unter anderem die Formel für die Berechnung des Anhaltewegs notiert ist. Unklar ist bislang, ob und wie der Zettel für die Ereignisse bedeutend ist.
Welche Sicherheitsdebatte löst die Tat aus?
Für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigt der Vorfall „die Notwendigkeit, die Videoüberwachung in Innenstädten auszubauen“. So könne man auf potenzielle Gefahren rechtzeitig reagieren, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke. Der Mannheimer Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) hob hervor, dass dank der Videoüberwachung die Einsatzkräfte schnell am Tatort gewesen seien. In der Stadt Mannheim hat die Polizei rund 70 Videokameras im Einsatz, auch die Planken, auf denen die Todesfahrt stattfand, ist videoüberwacht. Doch auch in den Sicherheitsbehörden und in der Politik gibt es Zweifel, wie weit Behörden gehen sollten. Wo Straßenbahnen fahren, können wir keine Poller aufstellen, sagt etwa die Führungskraft eines Landeskriminalamts. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl sprach bereits am Montagabend offen über das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit. Absolute Sicherheit könne es nicht geben, sagte der CDU-Politiker. „Wir können auch nicht unsere Innenstädte zu umzäunten Festungen machen.“
Weil sich am Dienstag die Hinweise auf eine psychische Erkrankung des mutmaßlichen Täters verdichteten, werden die Rufe lauter, die Kommunikation der Behörden zu verbessern. Bereits Ende Januar mahnten die Landesinnenminister unter dem Eindruck der Tat von Magdeburg in einem Papier Kompetenzen an. Es sei zu prüfen, „wie den Sicherheitsbehörden ein Zugriff auf gefährdungsrelevante Erkenntnisse zu psychisch Erkrankten bzw. eine Abfrage dieser Informationen ermöglicht werden kann“, heißt es in einem Beschluss der Innenministerkonferenz vom 27. Januar. Schon vor gut vier Jahren erarbeitete eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe kriminologische Standards zur Erkennung potenziell gefährlicher Personen. Bislang gibt es allerdings erst in vier Bundesländern ein entsprechendes Bedrohungsmanagement.
Wie reagiert die Stadt Mannheim?
Die Stadt Mannheim muss nun erneut mit den Folgen eines Attentats umgehen. Erst im vergangenen Mai hatte ein Afghane auf dem Marktplatz mehrere Menschen mit einem Messer verletzt – und den Polizisten Rouven Laur getötet. Nun hat die Stadt den Fasnachtsmarkt am Wasserturm geschlossen, geplante Umzüge in den Vororten wurden abgesagt, ebenso die Straßenfasnacht in der Innenstadt. An städtischen Dienstgebäuden ist Trauerbeflaggung gehisst.
Am Plankenkopf gegenüber dem Wasserturm sind Notfallseelsorger im Einsatz. Und für Dienstagabend ist eine ökumenische Andacht in der Citykirche Konkordien geplant.
Über Selbsttötungsversuche berichtet die Süddeutsche Zeitung nur in Ausnahmefällen und nach sorgfältiger Prüfung. Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit Freunden und Familie darüber. Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge, anonym und kostenlos unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222, zudem ist über www.telefonseelsorge.de eine Online-Beratung möglich. In Bayern sind auch die Krisendienste Bayern – Soforthilfe in seelischen Notlagen rund um die Uhr unter 0800/655 3000 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen bietet die Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de.

