Manipulation und Irak-Krieg:Das falsche Zeugnis der Ankläger

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28 Punkte sprachen nach Ansicht der US-Regierung für einen Krieg. Ein knappes Jahr später hat sich keiner der Vorwürfe, die sich auf Waffen oder angebliche Verbindungen Saddams zu al-Qaida bezogen, als richtig herausgestellt. Wie die Bush-Administration den Feldzug im Irak vorbereitete.

Von Hans Leyendecker

In den ersten Wochen des Jahres 2003 saß US-Außenminister Colin Powell in einem Konferenzraum der CIA-Zentrale in Langley und studierte Vermerke, die beweisen sollten, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge.

Manipulation und Irak-Krieg: Was Präsident George Bush, hier am 19. März 2003 bei der TV-Ansprache zum Kriegsbeginn, über irakische Massenvernichtungswaffen gesagt hat:"Das irakische Regime baut die Anlagen aus, die für die Produktion von mehr biologischen und chemischen Waffen notwendig sind. Jeder verstreichende Tag könnte der sein, an dem das irakische Regime Anthrax oder VX - Nervengas - oder eines Tages eine Nuklearwaffe an einen terroristischen Verbündeten gibt." (26. September 2002)"Nachrichtendienstliche Erkenntnisse unserer und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel daran, dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen, die je erfunden wurden, weiterhin besitzt und versteckt." (17. März 2003)"Der Irak hatte ein Waffenprogramm." (10. Juni 2003)

Was Präsident George Bush, hier am 19. März 2003 bei der TV-Ansprache zum Kriegsbeginn, über irakische Massenvernichtungswaffen gesagt hat:

"Das irakische Regime baut die Anlagen aus, die für die Produktion von mehr biologischen und chemischen Waffen notwendig sind. Jeder verstreichende Tag könnte der sein, an dem das irakische Regime Anthrax oder VX - Nervengas - oder eines Tages eine Nuklearwaffe an einen terroristischen Verbündeten gibt." (26. September 2002)

"Nachrichtendienstliche Erkenntnisse unserer und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel daran, dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen, die je erfunden wurden, weiterhin besitzt und versteckt." (17. März 2003)

"Der Irak hatte ein Waffenprogramm." (10. Juni 2003)

(Foto: Foto: AP)

Etwa 30 Geheimdienstleute erlebten, wie der frühere Generalstabschef manchmal den Kopf schüttelte oder auch Blätter in die Höhe schmiss: "Das ist Bullshit. Das lese ich nicht vor." Was er dann am 5. Februar im UN-Sicherheitsrat in einer 90-Minuten-Rede vortrug, war aus seiner Sicht "solide" und "gut".

Es waren 28 Punkte gegen den Diktator - nach Ansicht der US-Regierung 28 Gründe für einen Krieg. Heute, ein knappes Jahr später, hat sich keiner der 28 Vorwürfe, die sich auf Waffen oder angebliche Verbindungen Saddams zu al-Qaida bezogen, als richtig herausgestellt. Unsolide, schlechte, übertriebene Berichte, die eine Spezialtruppe namens Office of Special Plans (OSP) im Pentagon initiiert hatte, waren von Politikern übertrieben und unsolide dargestellt worden.

Ohne Überprüfung

Die OSP, die nur drei Dutzend Mitarbeiter hatte und von Falken wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und seinem Vize Paul Wolfowitz installiert worden war, berichtete ohne Überprüfung durch den riesigen Geheimdienstapparat an US-Vizepräsident Dick Cheney, der die Berichte an George W. Bush weitergab.

Powell sagte zwar in diesen Tagen trotzig, dass "das Spiel weitergeht", aber die ersten Waffensucher sind erfolglos abgezogen. Vernehmungen inhaftierter irakischer Wissenschaftler und auch Dokumente belegen, dass in den neunziger Jahren keine Massenvernichtungswaffen im Irak produziert wurden. Als wahrscheinlich gilt mittlerweile, dass es nicht einmal ein ordentliches Programm gab, um die Infrastruktur für den Bau von Massenvernichtungswaffen nach dem Ende von Sanktionen bereitzuhalten.

Vieles spricht für Vorsatz

Grandiose Fehleinschätzungen von Geheimdiensten sowie der amerikanischen und der britischen Regierung - oder Vorsatz? Richtig ist, dass die US-Geheimdienste mit ihrer falschen Lagebeschreibung nicht die Einzigen waren, die daneben lagen. Auch andere Geheimdienste, wie die französischen und, ein wenig, auch der Bundesnachrichtendienst (BND), überschätzten die Gefahr. Die meisten schrieben nach dem Auszug der UN-Inspektoren im Jahr 1998 übertriebene Schätzungen fort.

Dennoch spricht vieles für Vorsatz. Die Briten und die Amerikaner hätten es besser wissen müssen. Denn ausgerechnet einer ihrer Kronzeugen, auf dessen Erklärungen sich 2002 Cheney und 2003 der britische Premier Tony Blair bezogen, hatte vor achteinhalb Jahren dem britischen Geheimdienst MI6, der CIA und auch anderen Waffenexperten früh anvertraut, dass die Massenvernichtungswaffen im Irak Anfang der neunziger Jahre vernichtet worden waren und dass es kein neues Programm gebe: Hussein Kamel.

Der Schwiegersohn Saddam Husseins war Chef des irakischen Rüstungsprogramms gewesen und hatte sich im August 1995 mit Ehefrau, Bruder und Gefolge nach Jordanien abgesetzt. Dort erzählte der Überläufer viele bis dahin unbekannte Details über das irakische Waffenprogramm der achtziger Jahre: Dass es ein Crash-Programm zum Bau einer Atombombe gegeben habe, dass im ersten Golfkrieg geplant worden war, Biowaffen gegen Iran einzusetzen.

Keiner vor ihm und keiner nach ihm beschrieb so kundig und präzise das irakische Waffenprogramm. Aber er sagte auch: "Ich gab Anweisungen, alle Chemiewaffen zu zerstören." Pause: "Alle biologischen, chemischen, nuklearen Waffen und die Raketen wurden zerstört." Ein Fragesteller hakte nach. Ob auch biologische Waffen wie Anthrax vernichtet worden seien? Kamel antwortete: "Nichts blieb... Ich traf die Entscheidung, alles zu vernichten, damit der Irak wieder einen Neuanfang machen konnte." Die UN-Inspektoren seien weit erfolgreicher gewesen, als die Welt geglaubt habe.

Diese Aussagen Kamels, die in diesen Tagen durch in Bagdad aufgetauchte Dokumente bestätigt worden sind, entpuppen sich als ein Dokument der Zeitgeschichte. So wurde der Überläufer Kamel, der auspacken wollte und später ebenso wie sein Bruder von Saddams Leuten hingerichtet worden ist, auch nach einem Atomwissenschaftler namens Dr. Khidir Abdul Abbas Hamza befragt, der sich 1995 in die USA abgesetzt hatte.

"Ein professioneller Lügner" sagte Kamel. "Er arbeitete mit uns, aber hat nichts gebracht. Er hat den Irak verlassen, die Regierung hat es ihm erlaubt. Ein sehr schlechter Mann." Ausgerechnet dieser Hamza war Kronzeuge der US-Regierung, als Horrorszenarien über die angeblichen Atomwaffenpläne des Irak verbreitet wurden.

Der Mann, der sich in einem im Jahr 2000 in den USA erschienenen Buch als "Saddams Bombenbauer" präsentiert hatte und in US-Talkshows auftrat, war im Herbst 2002 häufiger Gesprächspartner von Staatssekretären der US-Regierung oder Regierungsberatern wie Richard Perle, der Mitte der neunziger Jahre gemeinsam mit Cheney, dem heutigen Verteidigungsminister Rumsfeld und dessen Vize Wolfowitz für einen Irak-Krieg plädiert hatte.

Als die Präsidentenberaterin Condoleezza Rice oder Präsident Bush vor dem drohenden "Atompilz" warnten, vertraute Hamza einem Reporter an: "That's me." Das bin ich. Nach seinen Angaben verfügte der Irak angeblich über 12.000 Experten, die am Atomwaffenprogramm bastelten oder zumindest arbeiten könnten.

Es ist nicht so, dass die Geheimdienste die angeblichen Beweise erfanden. Sie stießen auf Menschen, die sagten, was die Politik hören wollte. Die meisten dieser Überläufer führte dem OSP Achmed Tschalabi, der Chef des irakischen Nationalkongresses (INC) und einer der Favoriten Bushs für einen Neuanfang im Irak, vor. Er wollte die USA davon überzeugen, dass der Diktator beseitigt werden müsse und er lieferte - ähnlich wie die Kurden - die Kronzeugen der Anklage.

Raketenbauer am Schreibtisch

Was bleibt? Vermutlich noch ein paar Monate werden 1400 US-Experten irakische Forscher suchen und befragen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie nur auf ein paar alte Depots stoßen werden, die bei der von Kamel angeordneten Vernichtungsaktion übersehen worden sind oder übersehen werden sollten.

In den Gesprächen 1995 erwähnte Kamel den Raketenspezialisten Saba Modher, der Unterlagen mit nach Hause genommen habe, um vielleicht eines Tages an neuen Raketen zu basteln.

Der Ingenieur Modher, der 1984 in der damaligen Tschecheslowakei seinen Abschluss gemacht hat, ist in der deutschen Expertenszene eine Berühmtheit. Er war der Mann, der in den achtziger Jahren in Deutschland Unternehmen wie die Degussa aufsuchte, um Material für die Raketenreichweitenverlängerung zu beschaffen. Über ihn gibt es beim BND und beim Kölner Zollkriminalamt dicke Akten.

Vor ein paar Tagen hat der Reporter Barton Gellmann von der Washington Post einen Artikel über die nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen geschrieben. Fünf Stunden lang hat er dafür Modher interviewt. Der gestand, er habe Unterlagen mit nach Hause genommen, den UN-Inspektoren davon nichts erzählt, und sei fasziniert davon gewesen, Raketen zu bauen mit einer Reichweite bis 900 Kilometer. An seinem Schreibtisch hat er Pläne entworfen. Modher war noch viele Jahre nicht am Ziel seiner Träume.

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