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Europawahl:Webers Show der Harmonie

Abschlusskundgebung zur Europawahl

Fasst in München noch einmal seine Kernbotschaften des Wahlkampfes zusammen: EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

(Foto: dpa)

Der EVP-Spitzenkandidat will EU-Kommissionspräsident werden - und macht seine Abschlusskundgebung zu einem großen Event. Kanzlerin Merkel stellt sich in bisher unbekannter Klarheit hinter ihn.

Ein Häuflein junger Menschen, die Schilder in die Luft recken und in der riesigen Ankunfthalle "Juhu" rufen: Man könnte das für eine eher bescheidene Kulisse halten an einem Tag, an dem die Europäische Volkspartei (EVP) ihren Spitzenkandidaten mit Schwung in die letzten Stunden des Europawahlkampfs schicken will. Andererseits reicht der Auftritt, um alle zu verstören, die ein paar Meter weiter arglos ihr Köfferchen vorbeirollen.

Es ist Freitagmittag, Manfred Weber kommt mit dem Flugzeug aus Berlin in München an, doch der CSU-Nachwuchs begrüßt ihn, als würde er gerade von einer monatelangen Solo-Weltumseglung zurückkehren. Ein Jung-Unionist sagt: Es sei schließlich das letzte Mal, dass Weber vor der Wahl am Sonntag bayerischen Boden betrete. So gesehen bietet der mittelgroße Bahnhof am Flughafen einen angemessenen Vorgeschmack auf die Inszenierung, die an diesem Abend in der Münchner Messe ihren Höhepunkt findet.

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Weber will nach der Europawahl Präsident der Europäischen Kommission werden, und seine Abschlusskundgebung ist eine Show der Harmonie - nicht zuletzt zwischen CDU und CSU. Nichts soll sie stören: Im Foyer der Messe haben die Organisatoren einen bayerischen Biergarten aufgebaut, inklusive durchaus imposantem Maibaum. Man belässt es bei der Simulation von Volksnähe, mit Teilen des echten Volkes hat man schlechte Erfahrungen gemacht: Beim Münchner Wahlkampffinale vor der Bundestagswahl 2017 hatten Demonstranten mit Trillerpfeifen die Rede von Kanzlerin Angela Merkel übertönt. Am Freitagabend wird Merkel von der CSU-Basis, die das Publikum dominiert, ausnehmend freundlich empfangen. Auch das hat man schon anders erlebt. Im Gegenzug hat Merkel der CSU auch ein Präsent mitgebracht.

Es geht vor allem um schöne Bilder

Der Veranstaltungsregie geht es vor allem um schöne Bilder fürs Fernsehen, gleich zu Beginn tragen junge Leute die Fahnen der EU-Länder zur Europahymne in den Saal. Es würde einen nicht wundern, wenn Florian Silbereisen aus der Kulisse springt und durch den Abend führt. Für eine politische Kundgebung bleibt das Kulturprogramm auch im Verlauf des Abends ambitioniert: Zunächst gibt Webers alte niederbayerische Band "Peanuts" ihr Comeback, allerdings ohne den Leadsänger Weber. Dann geigt eine Geigerin den Donauwalzer, gefolgt von einer Einlage im Gruppen-Ausdruckstanz. Offenbar will die neue softe Söder-CSU wirklich auch die Feuilletonisten erreichen.

Markus Söders Kernbotschaft in seiner kurzen Rede ist dann auch friedlich und konsensfähig: Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident erteilt allen Populisten "von links und rechts" eine Absage. Zum bunten Rahmen kann man in gewisser Weise auch noch die Auftritte der Regierungschefs von Bulgarien und Kroatien zählen, der treuen Weber-Unterstützer Boiko Borissow und Andrej Plenkovic. Während die Rede von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer höhepunktlos vorüberstreicht, gönnt sich Borissow immerhin ein paar Sticheleien in Sachen Flüchtlingspolitik. "Bulgarien hat die sicherste EU-Außengrenze", sagt er an einer Stelle. Merkel klatscht völlig unangefochten, ein paar Sitze weiter reibt sich Innenminister Horst Seehofer ziemlich begeistert die Knie.

Als Überraschung fürs Publikum schreitet dann Lech Walesa ans Rednerpult, der polnische Friedensnobelpreisträger. Walesa für Weber in München, das ist ein Coup für die EVP. Walesa hält dann eine Rede, die das Publikum noch mehr zu würdigen wüsste, wenn sie aus dem Polnischen übersetzt würde. Erst nach zehn Minuten eilt eine Dolmetscherin zur Rettung.

Merkel stärkt Weber den Rücken

Fest eingeplant in München war eigentlich auch Sebastian Kurz, Webers wichtigster internationaler Verbündeter. Kurz hat jedoch kurzfristig abgesagt, er ist mit dem Wiener Krisenmanagement ausgelastet. Wenigstens hat er seinen Kampagnensprecher als Moderator des Abends abgestellt. Und er hat für eine Videobotschaft Zeit gefunden: "Lieber Manfred, ich bin fest überzeugt davon, dass du der richtige Kommissionspräsident bist, um Europa in die Zukunft zu führen." Ob Kurz aber Weber im europäischen Postengeschacher nach der Wahl wirklich noch helfen kann? Nach dem Bruch seiner ÖVP-FPÖ-Regierungskoalition im Skandal um das Ibiza-Video kann es sein, dass er nächste Woche gar nicht mehr Kanzler ist.

Noch bedeutender als Kurz' Hilfe ist für Weber die Hilfe Merkels. Bis zu diesem Abend in München haben ihre Unterstützungserklärungen für ihn meist halbherzig geklungen. Nun reicht ihr ein gerade mal zehnminütiger Auftritt, um viele Zweifel zu zerstreuen. Stärkste Fraktion wolle die EVP werden, "dann wollen wir Manfred Weber zum Kommissionspräsidenten wählen, das ist unser Ziel". Merkel hört sich deutlich energischer an als zuletzt, das ist das Geschenk, das sie für die CSU im Gepäck hat. Ausgiebig lobt sie Weber als Brückenbauer, damit stünde er genau auf dem Fundament jener Politiker, die Europa groß gemacht hätten. Ihre Rede schließt sie mit einem Satz, den der französische Präsident Emmanuel Macron und alle anderen, die Weber verhindern wollen, als Kampfansage verstehen dürfen: Sie werde sich "mit allem, was ich kann, dafür einsetzen", dass Weber Kommissionspräsident werde. Die Frage ist nun natürlich: Kann Weber sie da tatsächlich beim Wort nehmen?

Weber selbst spricht als Letzter. In den ersten Reihen jubeln Freunde aus seinem Heimatort Wildenberg. Er fasst noch einmal seine Kernbotschaften des Wahlkampfes zusammen: Sicherheit, Wohlstand, weniger Bürokratie, mehr Einsatz für Klimaschutz, ein Masterplan gegen Krebs. Und immer wieder ein Wort: Vertrauen. Vertrauen, das sei die wichtigste Währung für einen Politiker. Ist sie das? Sogar Parteifreunde halten den Spitzenkandidaten für zu brav, sie wünschen sich mehr Kanten und Charisma. Andere sagen, Webers Glaubwürdigkeit sei sein größter Trumpf. Er stehe für Maß und Mitte, sagt Weber. Und er brenne für das, was ihm wichtig sei: Europa.

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