Süddeutsche Zeitung

Malaysia:Der Befreite

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Nach einem knappen Ergebnis erklärte der König von Malaysia den Wahlsieger Anwar Ibrahim zum Premierminister. 30 Jahre musste er auf diesen Moment warten - zehn davon in Einzelhaft.

Von David Pfeifer, Lahore

Es gibt vermutlich kaum keinen Politiker, der länger auf sein Amt hingearbeitet hat als Anwar Ibrahim. Am Donnerstag um 17 Uhr Ortszeit wurde er in Malaysia vom König als neuer Premierminister vereidigt, und damit geht eine lange Reise zu Ende, und ein leidgeprüfter Mensch gelangt an sein Ziel.

Drei Jahrzehnte lang versuchte der ewige Oppositionsführer Anwar immer wieder, die Macht im Land an sich zu nehmen. In den 1990er-Jahren war er bereits stellvertretender Premierminister. "2013 hatten wir 53 Prozent, aber nicht genügend Sitze", erzählte Anwar, der deutlich jünger wirkt als seine 75 Jahre, ausländischen Journalisten in Bangkok vor einigen Wochen. Auch 2018 hatte er die Wahlen eigentlich gewonnen, mit seinem Reformprogramm. Doch sein Koalitionär, Muhyiddin Yassin, lief zur Opposition über und wurde selbst Premierminister. Was folgte, war eine Phase von Instabilität, mit wechselnden Premierministern.

Anwar wurde nicht nur politisch hintergangen, sondern auch wegen Korruption angeklagt, was er stets bestritt, und aufgrund angeblicher Homosexualität eingesperrt. Diese ist in dem mehrheitlich muslimischen Staat immer noch strafbar. Anwar Ibrahim ist verheiratet und hat sechs Kinder. "Ich habe zehn Jahre in Einzelhaft gesessen", erinnert sich der ungebrochen freundlich wirkende Mann. "Und wenn man ein paar Jahre auf Betonboden geschlafen hat, macht man sich seine Gedanken. Man versteht den Wert von Freiheit anders, wenn man nicht frei sein kann."

"Rasse und Religion sollten keine Grundlage für Politik sein"

Anwar ging mit einer Botschaft von Einigkeit und Versöhnung in diesen Wahlkampf, "Rasse und Religion sollten keine Grundlage für Politik sein", sagt er. Die Parlamentswahlen am vergangenen Samstag endeten dann so, dass keines der beiden großen Bündnisse, weder das Anwars noch das des ehemaligen Premierministers Muhyiddin Yassin, genügend Sitze im Parlament erringen konnten. Anwars Partei Pakatan Harapan (Allianz der Hoffnung) erhielt 82 Sitze, die nationalistische Perikatan Nasional (Nationale Allianz) von Muhyiddin erhielt 73 der erforderlichen 112 Sitze.

Dahinter erst landete ein von der United Malays National Organization (Umno) angeführtes Bündnis, das nun über 30 Sitze verfügt. Der Generalsekretär der Umno erklärte in dieser Pattsituation, eine Einheitsregierung zu unterstützen - wenn diese vom König akzeptiert und nicht von Muhyiddin angeführt wird. Ein solcher Zusammenschluss war in der malaysischen Politik bislang undenkbar.

König Sultan Abdullah Sultan Ahmad Shah traf am Donnerstag die Sultane aus neun Bundesstaaten, um sich in der festgefahrenen Situation zu beraten. Malaysias Adelsfamilien wechseln sich in einem Rotationssystem als Könige ab und werden von der malaiischen Mehrheit des Landes als Hüter des Islams und der Tradition angesehen. Zwei Drittel der etwa 33 Millionen Einwohner sind mehrheitlich muslimische Malaien, die größten Minderheiten sind Chinesen und Inder.

Mit der Ernennung Anwars rief der König am Donnerstag auch auf, die politischen Unruhen zu beenden. "Seine Königliche Hoheit erinnert alle Parteien daran, dass die Gewinner nicht alles gewinnen und die Verlierer nicht alles verlieren", heißt es in einer Erklärung des Palastes. Anwar Ibrahim hat versprochen, Politik für "jede Ethnie und jeden Glauben" zu machen. "Ich möchte nicht der Premier nur eines Teils der Malaien sein."

Die Polizei hat derweil die Sicherheitsvorkehrungen im Land verschärft, um auf Unruhen vorbereitet zu sein. Neben der Überwindung von Gräben zwischen den Ethnien wird Anwar Ibrahim sich vor allem um die schwächelnde Wirtschaft und die hohe Inflation kümmern müssen. Sein alter Widersacher Muhyiddin Yassin klagte noch am Donnerstagabend, Anwar habe gar nicht die erforderliche Stimmenmehrheit, um zu regieren. Wie überall auf der Welt wird laut Anwar auch in Malaysia die Demokratie "fragil". Sein Ziel hat er also erreicht. Aber die Arbeit geht erst los.

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