Spanien:Grenzen des Erträglichen

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Einheimische protestieren am Samstag in Palma de Mallorca gegen Massentourismus. (Foto: Juan Medina/Reuters)

Weniger Gästebetten auf Mallorca, Beschränkungen für Kreuzfahrtschiffe in Barcelona und Valencia: Spanische Regionen wollen den Massentourismus eindämmen.

Von Patrick Illinger, Madrid

Gut 10 000 Menschen haben am Wochenende in den Straßen von Mallorcas Hauptstadt Palma gegen Massentourismus demonstriert. Die Forderungen der Mallorquiner ähnelten denen ihrer Landsleute auf den Kanarischen Inseln, die im vergangenen Monat protestiert hatten: Tourismus ja, aber nachhaltig. Und vor allem: bezahlbarer Wohnraum für Einheimische.

Während die Kanarier noch hoffen müssen, dass ihre Forderungen Gehör finden und beispielsweise eine Tourismusabgabe erhoben wird, kündigen Regionalpolitiker auf Mallorca und in weiteren Hotspots erste Maßnahmen an.

Schon vor zwei Wochen hatte die Inselregierung Mallorcas beschlossen, die Zahl der Gästebetten zu reduzieren. Das Angebot von bisher 430 000 Übernachtungsplätzen soll auf 412 000 sinken - mit starken Einschnitten bei Ferienwohnungen. Der Präsident des Inselrats, Llorenç Galmés, hatte die Maßnahme als "mutigen" Schritt angekündigt. Das Wachstum gefährde "die Koexistenz zwischen Einheimischen und Touristen" und die Zukunft des gesamten Sektors. "Das ist der Moment, innezuhalten und Grenzen zu setzen", sagte Galmés im spanischen Fernsehen.

Touristen am Strand El Arenal in Palma de Mallorca. (Foto: Juan Medina/Reuters)

Mutig war der Schritt tatsächlich, denn für die Balearen und Kanaren ist der Tourismus ein noch wichtigerer Wirtschaftsfaktor als für Spanien insgesamt. Die Besucherzahlen im gesamten Königreich wachsen dramatisch. Mehr als 16,1 Millionen ausländische Touristen besuchten Spanien in den ersten vier Monaten dieses Jahres, ein gutes Sechstel mehr als 2023, das bereits ein Rekordjahr war.

Vor wenigen Tagen hatte die Ministerpräsidentin der Balearen, Marga Prohens, eine Gesprächsrunde organisiert und Tourismusmanager, Hoteliers und Autovermieter ebenso eingeladen wie Kritiker. Die Bereitschaft, "Lösungen zu suchen", sei spürbar gewesen, berichtete die deutschsprachige Mallorca-Zeitung. Die Balearen-Präsidentin machte dabei klar: "Der Rhythmus an Wachstum ist nicht mehr nachhaltig."

Ein Fünftel der Barcelona-Besucher kommt mit dem Kreuzfahrtschiff

Dass Grenzen des Erträglichen erreicht sind, scheint auch in anderen Touristenzentren Spaniens erkannt worden zu sein. In Barcelona hat eine Diskussion um Kreuzfahrtschiffe begonnen. Bürgermeister Jaume Collboni schließt laut spanischen Medienberichten nicht aus, die Zahl der Anlegestellen im Hafen zu reduzieren. Ähnliche Beschränkungen haben Amsterdam und Venedig schon eingeführt. Die Bürgermeisterin von Valencia hat vor wenigen Tagen angekündigt, von 2026 an besonders große Kreuzfahrtschiffe zu verbieten.

Mehr als 3,6 Millionen Kreuzfahrtpassagiere haben im vergangenen Jahr Barcelona besucht, und die ersten Monate dieses Jahres lassen ahnen, dass es 2024 noch mehr werden. Ein Fünftel aller Barcelona-Besucher kommt auf diesem Weg an, und 60 Prozent von ihnen bleiben nur wenige Stunden. Sie strömen nahezu gleichzeitig durch die beliebtesten Viertel der Stadt. Für die örtliche Wirtschaft, zum Beispiel Taxifahrer, ist das weniger einträglich, als man denken könnte. Die meisten Touristen steigen in Busse, die vom Schiff aus gebucht werden, etwa um die Sagrada Família zu besichtigen.

Dort verstopfen die Busse dann die Straßen, wie Gabriel Mercadal, der Sprecher des Nachbarschaftsvereins des Sagrada-Família-Viertels, berichtet: "Es kommen Massen von Bussen, die jede Menge Touristen abladen, meist an irgendwelchen Straßenecken möglichst nah an der Kirche. Viele der Touristen bezahlen nicht mal den Eintritt, sondern laufen nur um die Kirche herum. Und wir können uns im eigenen Viertel kaum mehr bewegen. Wir sind nicht gegen Tourismus, wohl aber gegen Massentourismus. Man muss die Einheimischen auch ein bisschen leben lassen."

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