Malaysia:Boss auf der Anklagebank

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Najib Razak vor dem Gerichtsgebäude in Kuala Lumpur. Wird er schuldig gesprochen, droht ihm eine lange Haftstrafe. (Foto: Samsul Said/Bloomberg)

Weil er einen Staatsfonds plünderte, steht der frühere Regierungschef Najib Razak vor Gericht.

Von Arne Perras, Singapur

Dem Anwalt des Angeklagten war erst einmal wichtig, dass sein Mandant weich genug sitzt. So eine harte Bank, und dann Stunden im Gerichtssaal, das grenze ja schon an voreilige Bestrafung, klagte Verteidiger Muhammad Shafee Abdullah, als er kürzlich mit Journalisten sprach. Er gilt als brillanter Jurist, und mit der kleinen Episode hat er seinen Mandanten erneut als Opfer gezeichnet, auch wenn es nur um die Frage ging, ob der Angeklagte nun ein flauschiges Kissen unter den Hintern bekommt oder nicht.

Der Angeklagte, das ist Malaysias früherer Premierminister Najib Razak, dem der Prozess in Kuala Lumpur gemacht wird. Am Mittwoch begann das zweite von fünf geplanten Verfahren, dieses gilt als das Wichtigste. Die Vorwürfe sind so umfangreich, dass es schwerfällt, vergleichbare Justizfälle in der Geschichte zu finden. Afrikas Kleptokraten wurden selten für ihre Gier bestraft, der nigerianische Milliardendieb Sani Abacha starb, bevor er einen Richter sah. Und auch der Herrscher über die Philippinen, Ferdinand Marcos, musste sich nie dafür verantworten, dass er unrechtmäßig ein riesiges Vermögen zusammenraffte.

Fast 500 Millionen Euro landeten auf seinen Privatkonten. Der Skandal ist aber noch größer

In Malaysia wird sich nun in den kommenden Monaten zeigen, was das Verteidigerteam für Najib herausholen kann, der im Zentrum des sogenannten 1MDB-Skandals steht. So heißt der Staatsfonds, den der ehemalige Premier schamlos ausgeplündert haben soll. Der Kern der Anklage lautet, dass Najib als Regierungschef seine Macht missbrauchte, um sich massiv zu bereichern, er soll dafür verantwortlich sein, dass umgerechnet fast 500 Millionen Euro auf seinen Privatkonten landeten.

Die Ausmaße des Skandals sind aber mutmaßlich noch viel größer: Nach Erkenntnissen des US-Justizministeriums gingen Malaysia durch den Skandal mehr als vier Milliarden Euro verloren.

Die Anklage nannte Najib einen "Generalbevollmächtigten", er habe in seiner Doppelrolle als Premier und Finanzminister die Kontrolle über 1MDB gehabt. Der Angeklagte weist jede Schuld von sich. Er behauptet, das Geld sei eine saudische Schenkung gewesen, angeblich sollte sie dazu dienen, den Islam zu fördern. Der frühere Premierminister behauptet außerdem, das Verfahren sei politisch motiviert, er sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Wird Najib auch nur in einigen Punkten schuldig gesprochen, dürfte der 66-Jährige den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Najib aber gibt nicht auf, er nutzte seine Freiheit auf Kaution in den vergangenen Monaten, um durch Posts in sozialen Medien verlorene Sympathien zurückzuerobern. Als einer seiner Fans einmal ein Selfie mit Najib machte, schrie der junge Mann freudig: "Unser Boss!", worauf Najib schelmisch auf malaiisch antwortete: "Malu apa Bossku". Übersetzt heißt das: "Worüber schämst Du Dich, mein Boss?" Das Video mit dem Spruch hat sich blitzschnell verbreitet, es wirkt clownesk, doch Najib nutzt es als populistisches Unschuldsbekenntnis, außerdem postete er Fotos von Dorfbewohnern, die mit dem Moped über holprige Pisten fahren, Najib locker hinten drauf. So gibt er jetzt den Kumpel.

Najib Razak hat noch immer viele Anhänger

Beobachter sind sich nicht einig, wie viel Boden Najib durch solche Social-Media-Stunts zurückgewonnen hat, sicher aber ist, dass er immer noch Anhänger um sich scharen kann. Sein Nachfolger, Mahathir Muhamad, hat für die Manöver Najibs nur Verachtung übrig: "Ich verstehe nicht, wie ein Dieb zum Boss wird. Unterstützen die Leute einen Dieb, weil sie selbst einer sein wollen?"

Najib lässt sich unterdessen in seiner Charmeoffensive nicht bremsen, einmal brüstete er sich: "I'll be back". Wie ein Terminator sieht er nicht aus, aber dass er in die Politik zurückstrebt, signalisiert er immer wieder, so gering die Chancen derzeit erscheinen mögen.

Abenteuerliche Wendungen sind der malaysischen Politik nicht fremd, was sich auch in Najibs Schicksal widerspiegelt. Nur wenige rechneten 2018 damit, dass die Partei von Najib die Wahl verlieren könnte, doch dann stürzte er doch. Nun hat sich wiederum Frust über die Nachfolger-Regierung angestaut. Deren Arbeit fällt weit hinter die Erwartungen zurück, sie ist zerstritten. Mahathir gelang zwar der Sieg, doch mit seinen 94 Jahren kann er wenig tun, um die allgemeine Verunsicherung über Malaysias Zukunft zu mindern. Viele denken schon weiter, an die Nachfolge, künftige Machtkämpfe, neue Volten. Und natürlich auch daran, wie sich der Angeklagte Najib weiter schlägt.

Sein Anwalt führte nach dem ersten Prozesstag fort, was er zuvor begonnen hatte: Er zeichnete Najib als Opfer, der Premier sei in diesem Skandal getäuscht worden, sagte er, vom Finanzinvestor Low Taek Joh. Dieser Mann, der sich gerne mit Showgrößen fotografieren ließ und opulente Partys auf seiner Luxusyacht schmiss, gilt als weitere Schlüsselfigur des 1MDB-Skandals. Nur dass er noch nicht auf der Anklagebank sitzt. Low, der laut Anklage eng mit Najib zusammen gearbeitet hat, ist abgetaucht.

© SZ vom 29.08.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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