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Italienische Mafia:Der Postbote des Paten

Antonello Nicosia

(Foto: Quelle: Facebook)
  • Antonello Nicosia war bislang als Vorkämpfer für Bürger- und Menschenrechte unterwegs gewesen: für die Rechte von Flüchtlingen, die Rechte von Arbeitslosen.
  • Der vermeintliche Menschenrechtler besuchte auch Haftanstalten und holte Anweisungen der Mafia-Bosse für Adressaten in der Freiheit.
  • Ermittler gehen davon aus, dass der Postbote direkt vom Paten bezahlt wurde. Nicosia wird auch verdächtigt, für die Cosa Nostra Geld gewaschen zu haben.

In der Zwischenwelt ist Täuschen und Tarnen ein wichtiges Handwerk, und wahrscheinlich ist darin niemand besser als die süditalienische Mafia. Antonello Nicosia, 48 Jahre alt, aus Sciacca in der sizilianischen Provinz Agrigent, hatte es zum Großmeister der Verschleierung gebracht - bis sie ihn jetzt entlarvt und überführt haben. Nun nennt man Nicosia den "Postboten der Cosa Nostra".

Ausgerechnet ihn. Nicosia war bislang als Vorkämpfer für Bürger- und Menschenrechte unterwegs gewesen: für die Rechte von Flüchtlingen, die Rechte von Arbeitslosen und sozial Randständigen. Er saß einem gemeinnützigen Verein vor mit dem etwas pompösen Namen "Internationales Observatorium für Menschenrechte". Am stärksten aber beschäftigten Nicosia die Rechte von Häftlingen. Er trat den Radicali Italiani bei, einer politischen Partei, die sich immer schon für einen menschlichen Umgang mit Gefängnisinsassen einsetzte. Er gehörte sogar ihrem Führungsorgan an.

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Nicosia fiel auf, er trug oft Brillen in knalligen Farben, Blau, Gelb, Rot. Auf dem sizilianischen Lokalsender Aracne TV führte er durch das Programm "Mezz'ora d'aria", übersetzt steht das für: eine halbe Stunde Freigang. Immer das eine Thema. Im vergangenen Jahr gelang ihm ein Coup. Nicosia erhielt eine Anstellung als parlamentarischer Mitarbeiter einer linken Abgeordneten. Pina Occhionero, damals Mitglied von Liberi e Uguali und gänzlich unwissend, ließ sich blenden vom Lebenslauf des Bewerbers. So gab Nicosia vor, er sei Dozent für Mafiageschichte an der Universität von Kalifornien. Alles frei erfunden.

Mit einem Parlamentsausweis öffnen sich dem Helfer der Cosa Nostra alle Zellentüren

Nun besaß er einen Parlamentsausweis: Und der half ihm, auch zu jenen Häftlingen vorgelassen zu werden, die unter dem härtesten Regime im italienischen Strafvollzug festgehalten werden, dem sogenannten 41-bis. Die totale Isolation soll die Mafiabosse brechen, damit sie auspacken. "Ich habe die perfekte Verschleierungstaktik gefunden", sagte Nicosia einmal am Telefon, aber da hörten die Fahnder schon mit. Offenherzigkeit am Handy wird erstaunlich vielen Verbrechern zum Verhängnis, immer wieder, selbst Meistern.

Der vermeintliche Menschenrechtler besuchte also Haftanstalten, bis zu vier in einem Monat. Er holte Anweisungen der Bosse im "41-bis", die mit niemandem Kontakt haben durften, und überbrachte sie den Adressaten in der Freiheit. Manche Botschaften notierte er wohl auf dem Papierblock mit dem Kopf "Camera dei Deputati della Repubblica", der Abgeordnetenkammer. Auch darüber machte er Witze am Telefon, so sicher fühlte er sich. Matteo Messina Denaro, den untergetauchten Superboss der Mafia aus Castelvetrano, nannte er "unseren Premierminister".

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Postbote direkt vom Paten bezahlt wurde. Nicosia wird auch verdächtigt, für die Cosa Nostra Geld gewaschen und Geschäfte in Amerika geführt zu haben. Er sei "voll und ganz integriert" gewesen in die kriminelle Vereinigung, heißt es in der Haftverfügung. Zweifel daran haben die Ermittler wohl auch deshalb keine, weil sie Antonello Nicosia auch einmal zuhörten, wie er über Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sprach. Die beiden Richter sind 1992 von der Mafia ermordet worden - brutal, in Blutbädern. Nicosia nannte dies höhnisch "Arbeitsunfälle".

© SZ vom 06.11.2019/fie
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