Mafia in Italien Mafioso und Politiker sind identisch

In Wirklichkeit aber, das zeigen die abscheulichen Schlagzeilen der vergangenen zehn Jahre, sind der Mafioso und der Politiker in Kalabrien inzwischen miteinander identisch. Die Mafia kann mittlerweile auf eine institutionelle Repräsentation verzichten. Sie ist ja jetzt selber die Institution. Sie ist die einzige Institution auf dem Markt, die von allen gleichermaßen anerkannt wird, sei es im Inhalt, sei es in der Form.

Derart anerkannt, dass sogar die Kirche gezwungen war, ihr - wenn es um die Mafia geht - über Jahrzehnte dauerndes Schweigen zu brechen: Papst Franziskus hat die Mafiosi für exkommuniziert erklärt. Doch noch immer führt manche Marienprozession am Haus des örtlichen Mafiabosses vorbei, um ihm die Ehre zu erweisen.

Die Politik hat ihren Ruf verspielt

Und so ist auch die Politik nicht mehr die alte. Sie ist darin gescheitert, Kalabrien gut zu regieren, die Region zu entwickeln, die Korruption zu bekämpfen. Sie hat nun ihren Ruf gänzlich verspielt, indem sie Städte und Regionen unmittelbar in Namen und Interesse der einzigen verbliebenen Macht, nämlich der Mafia, regiert. Nur so lassen sich die beständigen Skandale verstehen, die Italien heimsuchen.

Die Mafia ist nicht mehr die andere, dunkle Seite der Politik und des Geschäfts, sie ist Teil der Politik und des Geschäfts. Die zwanzig Jahre unter Berlusconi mit ihrer Vermischung von Staatsangelegenheiten und privaten Geschäften dürften dabei eine tragende Rolle gespielt haben. Und nicht aus Zufall ist die Mafia auch Teil des Turbokapitalismus, der die Region heimsucht.

Die 'Ndrangheta ist führend im weltweiten Drogengeschäft - der Hafen von Gioia Tauro ist ihr wichtigster Umschlagplatz. Sie handelt mit Waffen und Menschen, betreibt illegale Müllhalden und wäscht Geld. Sie ist in der Bauwirtschaft und im Gesundheitswesen angekommen. Sie ist ein großes Unternehmen, mit angeblich 53 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Nur so versteht man den Turbokapitalismus, der im Mezzogiorno triumphiert. Denn was sonst ist die Schattenwirtschaft der Mafia, wenn nicht eine okkulte Form dieses überdrehten Kapitalismus?