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Mafia in Italien:Kalabriens 'Ndrangheta ist nun ein Unternehmen

Ich neige dazu, die Politik als Nebenprodukt der Geschichte zu betrachten. Es liegt an meinem Alter und an meinem Beruf, dass ich mich mehr mit der Vergangenheit als mit Gegenwart oder Zukunft befasse, schon deshalb, weil die Vergangenheit viel reicher erscheint. Heute scheint es, als habe man die Geschichte im Süden Italiens abgeschafft, als seien die letzten Spuren der Zivilisation dabei, endgültig zu verschwinden, und das liegt auch an der Art, wie dort Politik betrieben wird.

Noch bis vor einigen Jahrzehnten stellte die Mafia in ihren Varianten von Camorra, 'Ndrangheta und Sacra Corona eine Form sozialer Stabilität in Italiens Süden dar. Der Zentralstaat funktionierte schlecht und auf widersprüchliche Weise, während die Mafia den Bedürftigen Schutz und Hilfe bot.

Noch nie wurde gegen Politiker Süditaliens so umfassend ermittelt

Das setzte voraus, dass der Staat - wie schwach, unaufmerksam oder feindselig auch immer - als Gegenüber gesehen wurde. So konnten die kriminellen Organisationen ein zu diesem Staat paralleles Netz von Beziehungen knüpfen, das auf soliden kapitalistischen Prinzipien beruhte. Der Mafia war es erlaubt, Profite zu erwirtschaften, solange sie als Gegenleistung für den sozialen Frieden in der Region sorgte.

Dieses Schema, das in den Nachkriegsjahrzehnten in einem Politiker wie Giulio Andreotti von der Democrazia Cristiana seinen weitsichtigsten Vertreter fand, scheint heute ausgedient zu haben. Noch nie wurde gegen die politische Klasse Süditaliens so umfassend ermittelt wie in unseren Tagen.

Vor zwei Jahren erst hat die Regierung in Rom den Stadtrat von Reggio Calabria aufgelöst, der größten Stadt Kalabriens - zu schwer wog der Verdacht, dass zahlreiche Parlamentarier eng mit der Mafia verbunden waren. Selbst im Norden, in der Lombardei, hat die 'Ndrangheta ihre Agenten in der Politik. Noch nie standen Teile der italienischen Politik der organisierten Kriminalität so nahe.

Ich sage "nahestehen" - obwohl der Begriff ein ungenauer Ausdruck ist. Der Begriff des Nahestehens kommt nicht ohne Unterscheidung aus. Man mag sich - wenn man "nahestehen" als räumliche Nachbarschaft versteht, den Gouverneur einer süditalienischen Region vorstellen, der mit einem Mafioso dieselbe Zelle teilt. Oder eben den Mafioso und den Gouverneur, die auf verschiedenen Wegen gleiche Ziele verfolgen.

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