Ein Kriminalfall aus der Provinz bedrückt und verstört die Franzosen. Bis ganz hinauf an die Spitze des Staates. Lyhanna, ein elfjähriges Mädchen aus Puycasquier im südwestfranzösischen Département Gers, 450 Einwohner, war am 29. Mai um 15 Uhr nach der Schule in ihrem Collège in Fleurance verschwunden. Scheinbar spurlos. Die Polizei entsandte ein großes Aufgebot für die Suche, die Armee half mit, Nachbarn und Freunde der Familie. Hubschrauber kreisten über der Gegend. Ein Foto Lyhannas erschien überall, in allen Medien, für sachdienliche Hinweise: ein glücklich lächelndes Mädchen.
Nach einer Woche fand die Polizei die Leiche des Mädchens im Getreidesilo eines Landwirtschaftsbetriebs, ein paar Kilometer nur von Puycasquier entfernt. In Untersuchungshaft sitzt ein 41-jähriger Mann, Jérôme B., dessen Nachnamen die meisten französischen Zeitungen bereits ausschreiben.
Jérôme B. ist der Vater einer Schulfreundin von Lyhanna. Er wird verdächtigt, das Mädchen verschleppt und getötet zu haben. Eine Überwachungskamera filmte, wie Lyhanna in das graue Auto des Mannes gestiegen war. Eine Autopsie soll zeigen, ob er sich sexuell an Lyhanna vergangen hat. Die Zeitung Le Parisien berichtet, Jérôme B. habe bisher keine einzige Frage der Ermittler beantwortet.
Alle prominenten Politiker äußern sich schockiert. Nächstes Jahr wird gewählt
Der Verdacht auf ein Sexualdelikt kam auf, weil es über die Jahre hinweg mehrere Hinweise auf Jérôme B. gegeben hatte – alle wegen Übergriffen gegen Minderjährige. Auch die Eltern von Lyhanna hatten schon mal einen Verdacht gehabt, nachdem ihre Tochter erzählt hatte, Jérôme B. habe sie während einer Pyjamaparty beim Spielen mehrmals angefasst und gekitzelt. Sie fragten Lyhanna, ob es sexuelle Berührungen gewesen seien. Sie verstand die Frage nicht.

Im vergangenen Sommer reichte eine andere Familie aus der Gegend eine Anzeige wegen mehrfacher Vergewaltigung ihrer zehnjährigen Tochter ein, ebenfalls bei einer Pyjamaparty – und hakte immer wieder nach. Doch nichts geschah: Die Polizei lud Jérôme B. nie vor, verhörte ihn nie. Es ist, als wäre die Akte in den Mäandern der Verwaltung verloren gegangen.
Überlastung? Fahrlässigkeit? Das soll nun eine Inspektion des Justizministeriums herausfinden. Im Zentrum der Kritik stehen die Gendarmerie und die zuständige Staatsanwaltschaft von Auch, dem Hauptort des Département Gers, die offenbar das Protokoll für solche pädokriminelle Verdachtsfälle nicht befolgt hatte.
Die traurige „Affaire Lyhanna“, wie sie genannt wird, hat deshalb schnell eine politische Dimension erhalten. Alle prominenten Politiker äußerten sich schon dazu, und alle gaben sich schockiert über die Versäumnisse der Behörden. Das liegt auch daran, dass in Frankreich im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen stattfinden. Jeder Amtsanwärter fühlt sich gedrängt, das Entsetzen im Volk über die verschleppten Untersuchungen gegen Jérôme B. aufzunehmen. „Inakzeptabel“ ist dabei das meistbenutzte Adjektiv. „Eine nationale Schande“ – so nennt es die Sonntagszeitung La Tribune Dimanche auf ihrer ersten Seite.
Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von „inakzeptablen Versäumnissen“ der Justiz. „Es ist ganz offensichtlich, dass hier etwas nicht funktioniert hat“, sagte er am Rande einer Auslandsreise in Montenegro. Es kommt sonst fast nie vor, dass Macron Kriminalfälle kommentiert. Er wolle jetzt auch nicht hören, dass es an fehlenden Mitteln liege, an personeller Unterbesetzung in den Staatsanwaltschaften, an Überlastung. In der Staatsanwaltschaft von Auch hatte man bereits darauf hingewiesen, dass man nur zu zehnt sei und im vergangenen Jahr viel zu tun hatte mit den Protestaktionen von Bauern.
Macron will das nicht gelten lassen: Interne Untersuchungen würden „sehr schnell“ zeigen, ob es „kollektive, systemische und gegebenenfalls individuelle Verantwortlichkeiten“ gebe, sagte er. Und dann werde man sofort handeln. Niemand soll denken, dass die Behörden nicht mit aller Kraft gegen Vergewaltiger von Kindern vorgehen und nicht jeden Hinweis auf ein Verbrechen ernst nehmen.
Der Druck auf die Regierung ist so groß, dass Premierminister Sébastien Lecornu am vergangenen Freitag den Innenminister und den Justizminister zu einem Krisentreffen in sein Büro lud – alle anderen wichtigen Termine sagte er ab. Justizminister Gérald Darmanin trat danach in den Abendnachrichten von TF1 auf, dem größten Fernsehsender im Land. Er sprach von einem „gewaltigen Versagen“ und entschuldigte sich im Namen des Staates bei Lyhannas Familie und bei den Franzosen.
Dann nannte Darmanin eine erschütternde Zahl: 70 000 Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen gegen Minderjährige lägen im Moment bei den Ermittlern. Sein Ministerium fordere seit eineinhalb Jahren, dass diese Fälle prioritär behandelt würden. Der Fall von Jérôme B. sei nicht priorisiert worden.

