Mächtige von morgen (6): Philipp Mißfelder Der Steher

Als Chef der Jungen Union musste Philipp Mißfelder schon viel einstecken. Umgefallen ist er nie. Das macht den 28-Jährigen besser als all die Karrieristen. Und aussichtsreicher.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Hätte er weniger Zeitung gelesen in seiner Jugend, vielleicht wären ihm die Morddrohungen erspart geblieben. Vater Mißfelder ist ein parteipolitisch eher nicht interessierter Angestellter in der Stahlindustrie. Denoch sorgt er dafür, dass Sohn Mißfelder via Zeitung mitbekommt, was in der Welt passiert. Mit zehn hat der die Wiedervereinigung erlebt. Im Fernsehen. Helmut Kohl hat ihn damals nachhaltig beeindruckt, sagt er heute. Mit zwölf stapfte Philipp Mißfelder zur Schüler-Union. Die durfte ihn nicht aufnehmen: zu jung. Mit 14 kam er wieder, brachte seine Freunde mit und übernahm den Laden.

JU-Chef Philipp Mißfelder hat eine oft schmerzlich vermisste Eigenschaft bewiesen: Rückgrat

(Foto: Foto: dpa)

Philipp Mißfelder wurde bald Chef der Schüler-Union, seit 1999 ist er Mitglied des Bundesvorstandes der CDU, seit 2002 Bundesvorsitzender der Jungen Union, seit 2005 Mitglied des Bundestages. Es ist das, was man eine steile Karriere nennt. Wären da nicht jene Wochen im Sommer 2003 gewesen, die ihm böse Briefe einbrachten und beinahe das politische Genick gebrochen hätten.

Wer Philipp Mißfelder bis dahin nicht kannte, nach diesem Satz war das passé: "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen", sagte er in einem Zeitungsinterview.

"Mißfelder gehört nicht mehr zur Union"

Ein Satz wie eine Bombe im Sommerloch des Jahres. Die Bild-Zeitung stürzte sich auf den damals 23-jährigen. Das Boulevardblatt ließ ihn über Nacht vom "Wunderkind" zum "Milchgesicht" mutieren. Die Zeit danach war die Hölle: Sogenannte Parteifreunde wandten sich ab, empörte Bürger blockierten sein Telefon. Morddrohungen.

Letztere nahm er nicht sonderlich ernst. Mehr musste ihn beunruhigen, dass die gesamte Führung der Union sich von ihm abwandte - vom CDU-Dauerstreithahn Kurt Biedenkopf mal abgesehen. Im Konrad-Adenauer-Haus war er ein rotes Tuch. Gebhard Glück, damals Chef der Senioren-CDU sagte, was viele dachten: "Mißfelder gehört nicht mehr zur Union." Seine Partei-Karriere hatte kaum begonnen, da schien es, als hätte er sie mit einem unbedachten Satz selbst beendet.

Doch Mißfelder zeigte das, was er heute als seine Nehmerqualität bezeichnet: Stehvermögen. Er entschuldigte sich. Aber lediglich dafür, womöglich Menschen verletzt zu haben. Inhaltlich nahm er nichts zurück. Die Entgeisterung wich einer zunehmenden Begeisterung: Der Mann kann Paroli bieten, kann Themen setzen und wenn mal der Wind etwas kräftiger bläst, dann ist der Zwei-Meter-Mann der Letzte, der umkippt.

Weil alle wissen, dass er sich pointiert ausdrücken kann, wird er in der Lobby des Bundestages gerne von Journalisten umlagert. Inzwischen aber diktiert er ihnen Zitierfähiges immer seltener in die Blöcke. Mißfelder hält sich zurück, lässt sich öffentlich nicht mehr auf jedes Thema ein. Er steuert, wann er was wem sagt.

Das ist klug. Wer was werden will in der Partei, sollte wissen, wann er bereit ist, sich die Finger zu verbrennen. Dann wird er auch gehört. Gerade hat er gemeinsam mit drei für Unionsverhältnisse jüngeren Politikern - darunter CSU-Generalsekretär Markus Söder - ein Papier vorgelegt mit dem Titel "Mehr bürgerlicher Konservatismus - warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln denken muss".

Schneller Aufstieg in der Fraktion

Das Papier hat eine heftige Debatte in der Union über die Frage ausgelöst, wie konservativ die Partei sein muss. Ein Herzensthema für Mißfelder. Er hat vorher schon einmal angemerkt, dass der CDU eine "konservative Leitfigur" fehle. Mit anderen Worten: Kanzlerin Angela Merkel ist dies offensichtlich nicht.

Es ist überliefert, dass die Kanzlerin den Satz nicht lustig fand. Geschadet hat ihm das nicht. Im Bundestag begann er 2005 im Umweltausschuss. Trotz der Klimawelle nicht das erste Fachgebiet, auf das sich Unionsabgeordnete mit Ambitionen stürzen. Seit Sommer diesen Jahres sitzt Mißfelder im Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Ein Aufstieg, für den manche wenigstens eine Legislaturperiode brauchen.

Mißfelder eckt heute seltener, dafür gezielter an. Generationengerechtigkeit ist sein Thema. Mal soll die Rentenerhöhung ausgesetzt, dann der Zahnersatz als Kassenleistung gestrichen werden. Die Sache mit den Hüftgelenken gehörte auch dazu. Aber statt mit Häme überzogen zu werden, hört man ihm heute zu. Er hat ja recht, heißt es heute.

Milchbubi würde ihn heute niemand mehr nennen, auch die Bild-Zeitung nicht. Wohl auch, weil er wie kein anderer das Bild eines liberalen Konservativen vermittelt. Die Familienverhältnisse sind geordnet, der Katholik hat mit 26 geheiratet. In der Familienpolitik aber unterstützt er die in der Union umstrittene Familienministerin Ursula von der Leyen. Zugleich wiederum schafft er es, glaubwürdig Verständnis für die Positionen eines Bischof Mixa zu zeigen. Das muss einem erstmal gelingen.

Konservativ im Herzen, liberal im Kopf

Mißfelder ist 28 Jahre alt. Manche sagen, er habe das Zeug, ein Großer zu werden. Nach einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins Impulse bei 52 Wirtschaftsverbänden wurde nach den besten jungen Wirtschaftspolitikerin unter 45 Jahren gefragt. Mißfelder landete auf Rang drei. Vor ihm zwei Frauen: Die Staatsministerin im Kanzleramt und Merkel-Vertraute Hildegard Müller, Mißfelders Vorgängerin im Amt des JU-Chefs. Die zweite ist die baldige SPD-Parteivize Andrea Nahles.

Mißfelders Weg scheint programmiert. Minister im Land oder im Bund, wenigstens. Wenn nicht gar mehr. Dass er erfahren musste, wie nahe jeder Politiker sich auf der Reise nach oben am Abgrund bewegt, hat ihn nicht geschwächt. Im Gegenteil. Mißfelder hat nicht klein beigegeben, hat sich durchgesetzt, konservativ im Herzen, liberal im Kopf. Das macht ihn für schwierige Aufgaben interessanter, als so manche Karrieristen von der Stange.

Der Steher

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