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Mächtige von morgen (9): Ronald Pofalla, CDU:Der Versteher

Seine Gegner wissen nicht, was sie an ihm fürchten sollen. Doch genau das macht den CDU-Generalsekretär so wertvoll für die Union.

Thorsten Denkler, Berlin

Er ist nicht wirklich zu erkennen auf dem Foto. Jung muss er da gewesen sein, noch nicht volljährig, schulterlange blonde Haare. Auf dem Kopf eine viel zu kleine Baskenmütze, wie übrig geblieben von der letzten Karnevalssitzung in seiner Heimatstadt Weeze am Niederrhein. Wie ein Hippie sieht Ronald Pofalla da aus.

Dass es diesen jungen Mann in die CDU ziehen könnte, wer hätte das gedacht? Das Bild des jungen Pofalla ist heute Teil einer Mitgliederwerbekampagne der CDU. Motto: Was so alles aus einem werden kann, wenn man irgendwann in die CDU eintritt.

Ronald Pofalla ist mit 16 in die CDU eingetreten. Aus ihm ist etwas geworden, auch wenn es etwas länger gedauert hat. Seit 1990 im Bundestag wurde er erst bekannter, als die damalige Fraktionschefin Angela Merkel ihn 2004 zum Nachfolger von Friedrich Merz als wirtschaftspolitischen Sprecher machte.

Anfangs bekämpft und belächelt

Ein Jahr später wurde Merkel Kanzlerin, ihr Generalsekretär Volker Kauder Fraktionschef und Pofalla Kauders Nachfolger. Was er zwischen 1990 und 2004 nicht an Karriere gemacht hatte, das holte er innerhalb von zwei Jahren nach. Und das muss noch nicht das Ende der Karriereleiter sein.

Anfangs wurde er noch bekämpft im Amt des Generalsekretärs. Schlimmer noch, belächelt. Er war anders als seine Vorgänger. Legendär die Ausfälle eines Heiner Geißler gegen die SPD, nachhaltig die roten Socken des Pfarrer Hintze.

Pofalla hat die Abteilung Attacke im Konrad-Adenauer-Haus bereits am ersten Arbeitstag für geschlossen erklärt. Kein überflüssiger Streit mit dem Koalitionspartner, lautete die Ansage der Kanzlerin. Für diesen Job ist Pofalla genau der Richtige. Er sei nicht der Typ, der einmal die Woche einen "Sozi zum Frühstück verspeist", sagt er.

Draufhauen entspricht nicht seiner Natur

Will er mal einen pointierten Satz gegen die Sozen loswerden, muss er den zuweilen ablesen. Seine Stimme hat einen deutlich nasalen Klang. Dazu das jungenhafte Gesicht, trotz seiner 48 Jahre. Draufhauen entspricht einfach nicht seiner Natur.

Harmoniesüchtig, nennen das einige. Vielleicht aber hat Pofalla schon genug mitgemacht in seinem Leben, dass er auf politische Schnitzeljagden gerne verzichtet.

Auf den ersten Blick eine Bilderbuch-Parteikarriere. Vier Jahre nach seinem Eintritt wird er mit 20 Fraktionschef im Weezer Gemeinderat. Mit 27 Chef der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen, 1990 mit 31 Jahren Bundestagsabgeordneter. Seit 2000 ist er Vorsitzender der mächtigen CDU-Niederrhein. Wäre sie ein eigener Landesverband, es wäre der sechstgrößte in Deutschland.

Auf den zweiten Blick fällt die Familiengeschichte auf. Geboren ist er im Mai 1959 in Weeze. Eine Zwillingsschwester hat er und einen älteren Bruder. Sein Vater malochte als Schichtarbeiter in einer Holzfabrik. Nix war da mit Privilegien.

Vater lange arbeitslos, Mutter starb früh

Als der Laden pleite machte, blieb Vater Pofalla zwei Jahre arbeitslos, fand dann einen Job als Wachmann, mit dem er die Familie durchbrachte. Seine Mutter ging putzen. Sie starb, als Ronald 20 Jahre alt war. In dem Arbeiterreihenhäuschen seiner Familie lebt Pofalla heute noch.

In der Schule kämpfte sich Pofalla von der Hauptschule bis zum Fachabitur durch. Klassensprecher war er, der Schwarm aller Mädchen, berichtet sein damaliger Klassenlehrer, SPD-Mitglied bis heute. Pofalla, sagt der, hätte das Zeug zum guten Sozialdemokraten gehabt.

Allerdings: Das wäre unpraktisch gewesen in Weeze. Der Ort ist so schwarz wie die Nacht dunkel ist. Wer hier etwas erreichen will, erreicht es mit der CDU oder gar nicht. Pofalla hat sie sich angeguckt, die anderen Parteien. Die Sozialdemokraten zu "kollektivistisch", die Freien Demokraten zu "individualistisch". In der CDU fühlte er sich wohler. Die passten alle zu ihm. Bauern waren da, Arbeiter und Studierte. Pofalla hatte von allen etwas.

Mit der Fachhochschulreife studierte er erst Sozialpädagogik. Pofalla jobbte: Eisverkäufer, Nachtschaffner, Briefträger. Nach dem Abschluss legte er ein Jurastudium nach. Das Bafög machte es möglich. Und ein heimischer Unternehmer, der offenbar große Stücke auf Pofalla setzte und seine Geldbörse für dessen Zukunft öffnete. Das erste mal wohl, dass Pofalla etwas geschenkt bekam.

"Heiner, sonst keiner"

Dass er kämpfen kann, bewies er 1989. Er gehörte zu jenen, die am Putschversuch gegen Helmut Kohl auf dem Essener Parteitag beteiligt gewesen waren. Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf hatten den damals initiiert. Pofallas Slogan damals: "Heiner, sonst keiner". Kohl überstand den Putschversuch, Pofalla hatte er von diesem Tag an in der Schublade "Lump" abgelegt.

In der Spendenaffäre kamen sie sich wieder näher, der Alte und Pofalla. Der junge Anwalt vermittelte Kohl seinen Chef Stephan Holthoff-Pförtner als Rechtsbeistand. Freunde seien sie geworden, sagt auch Kohl heute. Jüngst hat Pofalla den "Alten" gebeten, mit ihm über das neue Grundsatzprogramm der CDU zu diskutieren. Kohl nahm an.

Seine ausgleichende Art, die ihm anfangs zu Verhängnis zu werden drohte - heute wird sie geschätzt in der Partei. Pofalla verantwortet den Werdungsprozess des neuen Grundsatzprogramms. Er bindet alle Gruppen ein, ist für jeden ansprechbar.

Wischiwaschi

Sein Vorteil: Er kann mit allen, hat kaum Feinde, von den Hardlinern in der Partei mal abgesehen. Die finden seinen Kurs Wischiwaschi. "Wir brauchen keinen zweiten Regierungssprecher", hat Stefan Mappus mal über Pofalla gesagt, der in Baden-Württemberg die CDU-Landtagsfraktion auf stramm konservativem Kurs hält.

Aber Pofalla hat auch denen etwas zu bieten. Jüngster Vorschlag: Kruzifixe in alle Schulen. Hat er zwar nicht zu bestimmen, aber die Wähler rechts der Mitte stehen auf so was. Pofalla will auch ihnen eine Heimat geben. So wie Kohl, sein großes Vorbild. Der hat auch alle vereint in seinem massigen Körper.

Wer ihn kennt, sagt, der kann mehr als Generalsekretär. Vielleicht nicht die ganz große Nummer. Dazu fehlen ihm Charisma und der nötige Beißreflex. Aber in einer zweiten Regierung Merkel hätte er sicher einen festen Platz. Manchmal braucht es jemanden, der alle Seiten sehen kann. Der auch die anderen versteht.

Einen Pofalla eben.

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