Venezuela Eine menschenverachtende Blockade

Venezuelas Machthaber blockiert Hilfslieferungen an sein darbendes Volk und verfolgt damit eine perfide Strategie, die seine Macht sichern soll. Die einzige Hoffnung liegt im Dialog.

Kommentar von Benedikt Peters

Es ist ein Bild, an dem sich der ganze Irrsinn der Staatskrise in Venezuela offenbart. Eine dreispurige, menschenleere Brücke; sie wird blockiert von zwei Containern und dem Anhänger eines Tanklasters. Die venezolanische Armee hat die Blockade errichtet, auf Geheiß des despotischen Machthabers Nicolás Maduro, der sich in diesen Tagen auf Gedeih und Verderb an seine Macht klammert.

Irrsinnig ist die Blockade aus zwei Gründen. Erstens, weil auf der einen Seite der Brücke, in Kolumbien, Hilfsgüter lagern oder jederzeit eintreffen könnten, welche die Menschen auf der venezolanischen Seite dringend benötigen. In Venezuela sterben Menschen, weil sie keine Medikamente bekommen, etwa gegen HIV oder Malaria. Patienten werden nicht operiert, weil es an Schmerz- und Kontrastmitteln fehlt. Zwei Drittel der Bevölkerung leiden laut einer Studie venezolanischer Universitäten Hunger, sie haben allein 2017 im Schnitt elf Kilo abgenommen.

Zweitens ist die Blockade aber auch irrsinnig, weil die venezolanisch-kolumbianische Grenze 2200 Kilometer lang ist. Maduro weiß am besten selbst, dass er sie durch ein paar läppische Container auf der Tienditas-Brücke nicht schließen kann. Trotzdem folgt der Despot von Caracas einer perfiden, aber durchaus schlüssigen Logik.

Die Lage im Grenzgebiet ist äußerst brenzlig

Maduro hat die Frage der Hilfslieferungen längst zur Machtfrage erklärt - mit freundlicher Unterstützung einer ungeschickten, von den USA angeführten internationalen Diplomatie. Durch die Blockade inszeniert er sich, so absurd das zunächst klingen mag, einmal mehr als Beschützer der Nation. Denn die Staaten, die nun Medikamente und Nahrungsmittel nach Venezuela schicken wollen - die USA, Kanada, auch Deutschland - sind eben jene, die sich entschieden an die Seite von Maduros Herausforderer Juan Guaidó gestellt haben.

Maduro muss nichts weiter tun, als Trumps wiederholtes Gerede von einer "militärischen Option" und das Notizblockwedeln seines Getreuen John Bolton aufzugreifen; und kann behaupten, dass er nun Gegenmaßnahmen ergreift. Zudem demonstriert er, dass die Führung der Armee nach wie vor zu ihm steht, was für den Machtkampf entscheidend sein könnte.

Man kann Maduros Politik als menschenverachtend bezeichnen, denn letztlich verschlimmert und verlängert sie nur das Leiden der Venezolaner. Trotzdem sollte es keine Option sein, die Hilfslieferungen notfalls gegen den Willen des Despoten ins Land zu bringen. Ein Konflikt mit unabsehbaren Folgen würde drohen, denn die Lage im kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet ist äußerst brenzlig. Dort tummeln sich paramilitärische Gruppen und Teile linker Guerillas, eine von ihnen ist die etwa 2000 Kämpfer starke ELN. Deren Anführer hat vor Kurzem verkündet, im Falle des Falles an der Seite Maduros gegen die USA zu kämpfen.

Die wohl einzige Hoffnung der Venezolaner ruht daher auf der Kontaktgruppe einiger Staaten, die in der Krise vermitteln wollen. Sie treffen sich heute in Montevideo und wollen eine gewaltfreie Lösung erreichen. Man kann ihnen nur wünschen, dass sie Erfolg haben. Dafür sollten die europäischen Mitglieder der Gruppe, also auch die Bundesregierung, etwas weniger forsch auftreten als zuletzt.

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