Afrika:Was der Klimawandel in Madagaskar anrichtet

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Sturm aus Staub: Im Süden Madagaskars herrscht immer häufiger Wassermangel.

(Foto: imago stock&people/imago/Mint Images)

Eine Million Menschen sind im Inselstaat von einer schweren Hungersnot betroffen, wie die UN warnen. Wasserknappheit ist im Süden ein wachsendes Problem - was auch mit den Folgen des Kolonialismus zu tun hat.

Von Philippe Pernot, München

Der Klimawandel trifft die "Große Insel" hart. Madagaskar, bekannt für seine Vanilleschoten und für die bei Öko-Touristen beliebten Lemuren, ist seit einigen Wochen Schauplatz einer dramatischen humanitären Krise. Über eine Million Menschen seien im Süden des Landes von einer Hungersnot betroffen, 14 000 davon in einer "katastrophalen Situation" am Rande des Hungertodes, warnte das Welternährungsprogramm (WFP). Auffällig sei die Krise vor allem, weil sie "nicht auf Krieg oder Konflikte zurückzuführen ist, sondern auf den Klimawandel", erklärte Exekutivdirektor David Beasley. "Dies ist eine Region der Welt, die nichts zum Klimawandel beigetragen hat, aber die den höchsten Preis dafür zahlt".

Dürren, die nicht durch Kriege und Krisen verursacht werden: Madagaskar wirkt wie ein tragisches Testlabor, denn diese Art von Katastrophen könnte wegen des Klimawandels in aller Welt bald zum Alltag gehören. Der Weltklimarat warnte am Mittwoch, dass im Jahr 2050 bis zu 80 Millionen Menschen mehr von Hunger bedroht sein könnten, als Folge einer Kaskade von Krisen: Wasserknappheit, Ernteausfälle und steigende Preise.

Genau das passierte in Madagaskar: "Der Niederschlag war im vergangenen Jahr unregelmäßig und niedrig, dazu kamen Sandstürme, Heuschrecken-Invasionen und die Corona-Pandemie", erinnert sich Claire Kaboré am Telefon. Sie arbeitet für Gret, eine französische Nichtregierungsorganisation, und ist vor einigen Tagen von einer Mission im Süden des Landes zurückgekommen.

"Die Landwirtschaft ist zusammengebrochen, in einigen Zonen mussten die Menschen alle ihre Güter verkaufen und stundenlang unter der prallen Sonne laufen, um an Trinkwasser zu kommen", berichtet sie. Ihre Organisation pflanzt Hecken mit Hülsenfrüchten an, um den Süden aufzuforsten und die Existenz der Menschen zu sichern.

Das System der Kolonialmacht Frankreich hinterlässt noch Spuren

44 Prozent der Waldfläche wurde dort seit 1950 vernichtet, teilweise für Subsistenz-Landwirtschaft, teilweise auch für riesige Export-Plantagen, die französischen Siedlerfamilien gehören, oder auch für illegalen Holzschmuggel. Das trägt zur Wasserknappheit bei, ein "dringendes Problem", wie Kaboré sagt.

Um das Schlimmste zu verhindern, braucht das WFP nach eigenen Angaben 78,6 Millionen US-Dollar, um die es gebeten hat. Dass das auch langfristige Lösungen befördern wird, bezweifeln viele Einwohner. "Zu diesen klimatischen Ursachen kommen ja noch wirtschaftliche Ungleichheiten und das Scheitern der Politik, diese Krise zu unterbinden", erklärt Juvence Ramasy, Dozent an der Universität Toamasina in Madagaskar.

Denn obwohl das Land reich an natürliche Ressourcen und an Biodiversität ist, leben 80 Prozent der Madagassen unter der Armutsgrenze. "Die Korruption der politischen Eliten ist kein Geheimnis: Sie interessieren sich kaum für das, was außerhalb der Hauptstadt Antananarivo passiert", bemängelt der Professor für Verfassungsrecht. "Das politische System Madagaskars ist sehr zentralistisch, es wurde von den Franzosen eingeführt. Und dessen Strukturen sind heute noch vorhanden".

Die "Grande Île" wurde 1883 bis 1960 von der Kolonialmacht Frankreich beherrscht, 10 000 bis 90 000 Madagassen wurden von den Kolonialtruppen getötet, als sie sich 1947 erhoben. Die Unabhängigkeit kam 1960: "Alle Regierungen und Regime haben in den 61 letzten Jahren das Scheitern im Süden zu verantworten", sagt Juvence Ramasy, die Vorwürfe treffen also nicht alleine Staatschef Andry Rajoelina, der 2009 mit einem Staatsstreich an die Macht kam und oft wegen seines Krisenmanagements angeprangert wird. So sei die Hungersnot im Süden die Konsequenz einer "langen Verrottung der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen".

"Die erste Kéré-Dürre im Süden des Landes wurde 1928 verzeichnet", während der Kolonialherrschaft. "Hungersnöte gibt es seitdem alle paar Jahre", erklärt Ramasy. Er sagt, es fehlten staatliche Investitionsprogramme, um den Süden des Landes aufzuforsten und die Infrastruktur aufzubauen. Claire Kaboré von Gret stimmt zu: "Wie viele andere ehemalige Kolonien im globalen Süden befindet sich Madagaskar in einem Teufelskreis. Der Klimawandel trifft sie besonders hart, doch gibt es weder eine lokale noch eine globale Umverteilung der Reichtümer, um die notwendigen Lösungen herbeizuführen", kritisiert sie.

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