Süddeutsche Zeitung

MAD wirbt mit Comic:Geheimdienst kämpft ums Überleben

Lesezeit: 3 min

Eigentlich ist die Unsichtbarkeit sein Metier, doch nun präsentiert sich der Nachrichtendienst MAD mit breitschultrigen Agenten im Kampf gegen barbusige russische Spioninnen. Comics, Anekdoten und ein äußerst seltenes Interview des Amtschefs sollen begründen, warum der Militärische Abschirmdienst weiterhin gebraucht wird. Trotz der Pannen der NSU-Affäre.

Michael König

"Siebziger-Jahre-Agenten-Style" sollten die Illustrationen sein, erinnert sich Niklas Hughes. "Comics, aber nicht total James-Bond-mäßig, sondern eher so bieder." Viel mehr Anweisungen gaben ihm die Auftraggeber nicht.

Der Hamburger Diplom-Designer verstand darunter etwa eine blonde russische Spionin, vollbusig, im transparenten Oberteil, die einen Bundeswehr-Soldaten verführt: "Wenn du mir hilfst, können wir sehr schnell sehr viel Geld verdienen!" Außerdem: düstere Gestalten vorm Kasernentor, konspirative Agententreffen bei Kaffee und Zigarette, verdächtige Küchenhilfen in Afghanistan.

Zu sehen sind die Bilder nicht etwa in einem Comic-Heft, sondern in einer eigentlich kreuzbraven Postille. Die Bundeswehr-Zeitschrift Y (Ypsilon, benannt nach dem Kfz-Kennzeichen der Bundeswehrfahrzeuge) illustriert mit Hughes' Bildern die Titelgeschichte der Ausgabe Juni/Juli 2012: "Die Welt des MAD - der Militärische Abschirmdienst passt auf."

Wie man einen gegnerischen Agenten "umdreht"

Derartige Transparenz ist man nicht gewohnt vom Nachrichtendienst der Bundeswehr, dessen eigentliches Metier das Schweigen und die Unsichtbarkeit sind. Neben den Comics kommen im Bundeswehr-Heft anonyme Mitarbeiter zu Wort, die von ihren Erlebnissen erzählen ("Wenn wir das Glück haben, einen gegnerischen Agenten umzudrehen, dann sucht man das Gespräch, ohne geladene Waffe"). Und Amtschef Karl-Heinz Brüsselbach gibt ein Interview ("Wir zählen unsere Erfolge nicht") - das einzige eines MAD-Chefs, das sich finden lässt.

Die Informations-Offensive dürfte damit zusammenhängen, dass in Berlin über eine Reform der Nachrichtendienste diskutiert wird. Der MAD kämpft um sein Überleben. Die Tätigkeit der drei deutschen Geheimdienste (Bundesnachrichtendienst, MAD und Bundesamt für Verfassungsschutz; eine Übersicht gibt es in diesem Artikel) ist seit langem umstritten, doch die Enttarnung der Zwickauer Rechtsterrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" hat die Debatte neu entfacht.

Aufgabe des MAD ist es laut Gesetz, extremistischen Tendenzen in der Bundeswehr entgegenzutreten. Zwischen 1997 und 2003 warb er V-Leute in Thüringen an und war so an der Suche nach dem Zwickauer Terrortrio beteiligt. Seine Kritiker werfen ihm vor, dabei nicht hilfreich gewesen zu sein und an der jetzigen Aufklärung wenig Interesse zu zeigen.

"In dieser Form brauchen wir ihn nicht mehr"

Vor allem in der FDP ist die Beliebtheit des MAD rapide gesunken. "In dieser Form brauchen wir den MAD nicht mehr", sagte die liberale Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Ihr Parteifreund Christian Ahrendt, Abgeordneter im Bundestag, legt im Gespräch mit Welt Online nach: "In der jetzigen notwendigen Diskussion über die Sicherheitsarchitektur gehört der MAD als Erstes auf den Prüfstand."

Der andere umstrittene Dienst, der Verfassungsschutz, reformierte sich im Zuge der NSU-Affäre gewissermaßen selbst. Präsident Heinz Fromm musste zurücktreten, an diesem Mittwoch wurde in Berlin sein Nachfolger Hans-Georg Maaßen vorgestellt. Auch die Chefs zweier Landesbehörden mussten gehen. Der BND ist für das Ausland zuständig und daher von der NSU-Affäre weniger stark betroffen. Bleibt der MAD.

"Auch unsere Mitarbeiter dürfen Fehler machen"

1956 als "Amt für Sicherheit der Bundeswehr" gegründet und 1984 umbenannt, gilt der Militärische Abschirmdienst als Kind des Kalten Krieges. Seine Mitarbeiterzahl hat sich von einst mehr als 2500 auf etwa 1180 verringert. 2011 erhielt er knapp 72 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt (hier im Verfassungsschutzbericht 2011 nachzulesen). Zu viel, findet vor allem die FDP und hat den Bundesrechnungshof an seiner Seite. Im Februar 2012 wurde ein Papier öffentlich, in dem die Wirtschaftsprüfer empfehlen, die Aufgaben des MAD dem Verfassungsschutz zu übertragen.

Der MAD schwieg zu dieser Diskussion bislang eisern. Doch nun wurde der Druck womöglich zu groß: "Wir wollen uns ja nicht verstecken", sagt Karl-Heinz Brüsselbach dem Bundeswehr-Magazin in einem langen Interview, das an sich schon eine kleine Sensation ist. Wie die Streitkräftebasis der Bundeswehr in Bonn auf SZ-Anfrage mitteilt, komme es nur "selten bis sehr selten" vor, dass der Amtschef einem Medium Rede und Antwort steht. Im SZ-Archiv, das alle relevanten deutschen Printmedien umfasst, ist kein Interview zu finden - weder von Brüsselbach noch von Vorgängern.

Im Gespräch mit der Zeitschrift, die eine Auflage von 50.000 Exemplaren hat, kommt Brüsselbach dagegen ins Plaudern: "Sorgen um das Wirken von Geheimdiensten sind für mich verständlich, denn unsere Parlamentarische Demokratie lebt ja von größtmöglicher Transparenz", sagt Brüsselbach. "Auch unsere Mitarbeiter sind Menschen und können Fehler machen. Sie sind aber gut ausgebildet, motiviert und professionell, daher machen sie wenige."

"Unsere Gegner sind gut aufgestellt"

Auf die Zukunft des MAD angesprochen, sagt Brüsselbach: "Die Spionageabwehr bleibt ein Kerngeschäft des Verfassungsschutzverbundes und damit des MAD. Seit Ende des Kalten Krieges ist dieser Bereich anders, aber beileibe nicht einfacher geworden, auch dank des Internets. Damit kann man einfacher kommunizieren als früher. (...) Unsere Gegner sind gut aufgestellt und nutzen die Möglichkeiten der IT. Wir müssen da aufpassen, nicht den Kürzeren zu ziehen."

Ob diese Aufgabe nicht auch ein anderer Dienst übernehmen könnte, das wird Brüsselbach von dem Interviewer leider nicht gefragt. Stattdessen: "Was würde die Bundeswehr ohne den MAD machen?" Brüsselbach: "Sie würde darüber nachdenken, warum es den MAD nicht gibt. Ihr würde was fehlen."

Brüsselbach darf es einigermaßen egal sein: Er erreichte nach dem Erscheinen des Interviews die Altersgrenze und wurde zum 1. Juli von Ulrich Birkenheier als Amtschef abgelöst.

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