Macron und die "große nationale Debatte" Der Präsident stellt sich

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron muss wieder für seine Überzeugungen kämpfen - hier bei einem Treffen mit 600 Bürgermeistern am 18. Januar in Souillac.

(Foto: AFP)

Noch vor Kurzem gab Frankreichs Präsident Macron den unaufhaltsamen Reformer. Der Protest der Gelbwesten zwingt ihn nun, sich neu zu erfinden. Er fängt an, für seine Überzeugungen zu streiten.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Vielleicht wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sich irgendwann bei den Gilets jaunes bedanken müssen. Dafür, dass sie ihn so drastisch wie möglich daran erinnert haben, auf welch schmaler Basis er seine Macht aufgebaut hat. Noch im Herbst hielt der Präsident an seinem Selbstbild als unaufhaltsamer Reformer fest. Er messe seinen Erfolg nicht an Umfragen, sondern an Wirtschaftszahlen und langfristigen Zielen, sagte Macron damals. Heute schimpft ihr noch, liebe Franzosen, morgen werdet ihr verstehen, dass ich nur euer Bestes will.

Seit mehr als zehn Wochen gehen die Franzosen nun in Neongelb auf die Straße, weil sie an genau diese Beschwichtigung nicht glauben. Die Proteste haben Macron gezwungen, seine Strategie zu ändern. Er hat die Rolle des erhabenen Lenkers aufgegeben und sich in den Kämpfer zurückverwandelt, der vor bald zwei Jahren in den Élysée-Palast gewählt wurde. Seit einer Woche läuft in Frankreich die "große nationale Debatte". Macron hat dem Land eine umfassende Gesprächstherapie verordnet, in der jeder erzählen soll, was ihm auf dem Herzen liegt.

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Das klingt schwammig und großspurig, und es ist bislang nicht herauszufinden, was Präsident und Regierung mit all den Empfehlungen, Bedenken, Wünschen anstellen wollen, die in der Debatte angehäuft werden. In seinem Brief an die Franzosen, der den Anfang der aktuellen Kommunikationsoffensive markierte, träumte Macron von einem "neuen Vertrag für die Nation", also von einer Versöhnung der Wähler mit ihren Repräsentanten. Bislang deutet alles darauf hin, dass dieser Vertrag maximal im Herzen und nicht auf Papier beschlossen wird.

Doch auch wenn man die "große Debatte" vom überambitionierten Dekor befreit, löst sie sich nicht auf in großem Blabla. Dann bleibt ein mutiges Experiment, bei dem man einem Präsidenten dabei zusehen kann, wie er wieder aufwacht.

Vergangene Woche hat Macron sich mehr als 1000 Bürgermeistern genau derjenigen kleinen Gemeinden gestellt, in denen der Unmut über das abgehobene Paris am größten ist. Insgesamt mehr als zwölf Stunden lang hat der Präsident sich Klagen und Vorwürfe angehört und dabei so konzentriert gewirkt, als gebe es nichts, was er lieber täte. Und dann, und das ist entscheidend, setzte er zum Gegenschlag an.

Frankreich lernt seinen Präsidenten neu kennen

Er beantwortete seitenweise Fragen, sprach jeden persönlich an, entkräftete Argumente, blieb seinen Überzeugungen treu, ohne stur zu wirken. Das ewige Zuhören, das Macron predigt wie ein Mantra, interessiert in Frankreich inzwischen niemanden mehr. Alle paar Monate, angefangen beim Präsidentschaftswahlkampf, startet das "Team Macron" eine neue Zuhörkampagne. Die nun angefangene Debatte ist nicht deshalb interessant, weil Macron wieder vorgibt, ganz Ohr zu sein. Sie ist spannend, weil der Präsident sich traut zu streiten, teils sogar zu polemisieren.

Der "große Besuch" wäre vielleicht eine korrektere Bezeichnung für das, was gerade in Frankreich passiert. Das Land lernt denjenigen neu kennen, den es ins höchste Amt gewählt hat. Schaut man sich Macrons bisherige Regierungszeit an, kann man sagen, dass sich seine Fehler vor allen Dingen dann häuften, als es kaum Widerstände gab. Nun sind die Gegner laut und zahlreich, und Macrons Inszenierung seiner Unfehlbarkeit hat endlich ein Ende.

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