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Frankreich:"Die Seele der Welt, der Dämon Europas"

FILE PHOTO: France celebrates the bicentenary of Napoleon's death

Viel Licht, viel Schatten: eine Napoleon-Skulptur in Boulogne-sur-Mer.

(Foto: Sarah Meyssonnier/Reuters)

Emmanuel Macron würdigt den 200. Todestag Napoleons mit einem Staatsakt. Und das Land streitet darüber, ob das richtig ist.

Von Nadia Pantel, Paris

In die Amtszeit Emmanuel Macrons fallen große Jahrestage. 2020 feierte der französische Präsident nicht nur eines, sondern drei Charles-de-Gaulle-Jubiläen (130. Geburtstag, 50. Todestag, 80. Jahrestag des Appells des 18. Juni). 2018 erinnerte Macron eine ganze Woche mit einer Gedenkreise an das Ende des Ersten Weltkriegs. Vergangenen September beging er den 150. Geburtstag der Republik. An diesem Mittwoch stand nun der komplizierteste Jahrestag an: der 200. Todestag Napoleon Bonapartes. Seit Wochen wird in Frankreich darüber gestritten, wie ein sinnvolles Begehen dieses 5. Mai aussehen sollte. Gerade Linke halten einen staatlichen Gedenkakt für einen Fehler.

Macron versuchte nun einen Balanceakt. Er legte einen Kranz am Grab Napoleons nieder - eine klare Würdigung. Zuvor sagte er in einer Rede, Napoleon habe gleichzeitig die "Seele der Welt und der Dämon Europas" sein können. Die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon nannte Macron "einen Fehler, einen Verrat am Geiste der Aufklärung". Er wolle Napoleon "nicht feiern", sondern "seiner gedenken". "Napoleon ist ein Teil von uns", sagte Macron und hob die Verdienste des selbsternannten Kaisers für den Aufbau der staatlichen Verwaltung hervor. Das "Werk" Napoleons habe "noch nicht alle seine Geheimnisse offenbart, doch es prägt uns weiterhin", so Macron. Zu dem Staatsakt waren auch der Premierminister Jean Castex eingeladen und hohe militärische Würdenträger.

Auch wenn es zur französischen Routine gehört, sich erbittert um die Bedeutung Napoleons zu streiten, ist es ungewöhnlich, dass sich ein Präsident für eine Gedenkfeier entscheidet. 2005 hatte der damalige, konservative Präsident Jacques Chirac darauf verzichtet, den 200. Jahrestag des Siegs von Austerlitz zu feiern. Der letzte französische Präsident, der Napoleon explizit würdigte, war Georges Pompidou. 1969 fuhr Pompidou in Napoleons korsische Geburtsstadt Ajaccio und feierte den 200. Geburtstag des Feldherren. Pompidou sagte damals, es gebe "keinen ruhmreicheren Namen als den Napoleons". Dieser sei "aus dem Nichts gekommen" und habe "alles erreicht".

Napoleon gilt vielen in Frankreich heute als Begründer des modernen Staates. Unter anderem das Verwaltungssystem der Präfekten, das er schuf, gilt bis heute. Auch die Einführung des Zivilrechts und der gymnasialen Oberstufe gehen auf Napoleon zurück. Gleichzeitig war Napoleon schon zu Lebzeiten vielen wegen seiner autoritären Herrschaft verhasst. 1799 setzte sich Napoleon durch einen Staatsstreich an die Spitze des Staates, 1804 krönte er sich selbst zum Kaiser. Napoleon legitimierte seine Macht durch Eroberungskriege, die Frankreich zu einem Imperium machten. Hunderttausende verloren in Europa in Napoleons Kriegen ihr Leben.

"Rassistischer Freiheitsräuber"

Zu seinem 200. Todestag drehen sich die Auseinandersetzungen um Napoleon in Frankreich vor allen Dingen um die Tatsache, dass Napoleon 1802 die Sklaverei wieder einführte. In den französischen Übersee-Départements Guadeloupe, Martinique und La Réunion wird Macrons Entscheidung, Napoleon zu gedenken, besonders scharf kritisiert. Auf Guadeloupe, Martinique und La Réunion lagen zu Zeiten Napoleons die Plantagen, auf denen schwarze Sklaven ausgebeutet, misshandelt und getötet wurden. Nachfahren der Sklaven in den früheren Kolonien haben ein gemeinsames Protestschreiben verfasst. Dort heißt es: "Kein Opfer kann jemals seinen Peiniger feiern." Napoleon sei ein "rassistischer Freiheitsräuber" gewesen. Ähnlich äußerte sich auch Frankreichs Gleichstellungsministerin Élisabeth Moreno. Sie nannte Napoleon einen "großen Frauenhasser, der die Sklaverei wieder einführte".

Zu den ersten, die Napoleon am Mittwoch würdigten, gehörte die rechtsextreme Marine Le Pen, der in Frankreich beste Chancen auf einen Platz bei der Stichwahl fürs Präsidentenamt 2022 vorausgesagt werden. Le Pen ließ sich am Mittwochmorgen vor der Napoleon-Statue am Pariser Place Vendôme fotografieren. Später teilte sie auf Twitter eine Bildmontage von Napoleons militärischen Siegen und eine kurze Filmsequenz, die zeigte, wie Europa dadurch zu französischem Territorium wurde. "Die Bestimmung Frankreichs ist die Größe", schrieb Le Pen dazu.

Nach dem Gedenken an Napoleon wird Macron in der kommenden Woche seine Historien-Termine fortsetzen. Am 10. Mai wird der Präsident der Abschaffung der Sklaverei gedenken. Zu dieser Abschaffung brauchte es in Frankreich, durch Napoleon, zwei Anläufe. Nachdem Napoleon die Sklaverei wieder eingeführt hatte, wurde sie 1848 endgültig abgeschafft. Der Termin des 10. Mai erinnert an ein Gesetz von 2001, das den Sklavenhandel zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt.

© SZ/toz
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