bedeckt München

Merkel-Besuch in Frankreich:Auf Macrons Festung

Merkel Macron Besuch

Merkel und Macron im Garten der Sommerresidenz des französischen Staatschefs.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der Besuch der Kanzlerin bei Frankreichs Präsident ist symbolhaft. Einmal im Jahr erwählt Macron Brégançon an der Côte d'Azur zum Schauplatz der großen Politik.

Von Nadia Pantel, Paris

Liebevoller Stiefgroßvater und Weltenlenker: Emmanuel Macron zeigte sich den Franzosen am Donnerstag in doppelter Funktion. Er lächelt ihnen mit Ehefrau Brigitte Macron von der Titelseite der Illustrierten Paris Match entgegen. Sie seien einige Tage nur "Mamibibi und Daddi", Oma und Opa, für die sieben Enkel gewesen, erzählte Frankreichs Première Dame dem Reporter, das Blatt druckte dazu Fotos, wie Emmanuel Macron, Armmuskeln freigelegt, auf dem Jetski übers Mittelmeer düst.

Schauplatz der präsidialen Homestory ist Fort de Bregançon, eine Festung an der Côte d'Azur, die Frankreichs Präsidenten als Sommerresidenz dient. Macron nutzt Brégançon jedoch nicht nur, um sich ausspannend zu zeigen, er hat den Ort in sein Portfolio außenpolitischer Symbole aufgenommen. Im dritten Sommer seiner Amtszeit kann man es nun Tradition nennen: Einmal im Jahr erwählt Macron Brégançon zum Schauplatz der großen Politik.

Gemeinsam wollen sie dem Streit der Türkei und Griechenlands zu einer guten Lösung verhelfen

2018 empfing er dort die britische Premierministerin Theresa May, 2019 kam Russlands Präsident Wladimir Putin. Am Donnerstag war es nun Angela Merkel, die für einen Abend in die Sonne reiste. Eine Einladung an die Kanzlerin, die man im Élysée als ehrenvolle Auszeichnung verstanden wissen will. "Ein Besuch in Brégançon ist etwas Besonderes, es gibt nur einen pro Jahr", heißt es aus dem Präsidentenpalast. Das Treffen sei für den Präsidenten eine Möglichkeit, "Kraft und Qualität der französisch-deutschen Beziehung" zu zeigen.

Diese Kraft soll sich nun offenbar beweisen: Beim Dringen auf engere Absprache in der EU im Kampf gegen Corona, beim Streit der Türkei und Griechenlands um Öl- und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer, wie Merkel und Macron abends in Bregançon mitteilten. Um diesen Konflikt beizulegen, wollten Deutschland und Frankreich eng zusammenarbeiten, "dann werden wir eine gute Lösung finden", sagte die Kanzlerin. Einig waren beide auch, angesichts der Krise in Belarus mit einer Stimme sprechen zu wollen. Die EU müsse sich weiter hinter die Hunderttausenden stellen, die dort demonstrieren, sagte Macron. Auch über Libyen, Libanon und Mali sprachen Merkel und der Präsident.

Die Unkenrufe, die regelmäßig ein Verkümmern der deutsch-französischen Freundschaft konstatieren, waren schon vor dem Treffen leiser geworden. Die Einigung beim EU-Gipfel Mitte Juli auf einen Wiederaufbauplan können Macron und Merkel als gemeinsamen Erfolg verbuchen. Dass sich Deutschland im Streit um die Finanzierung des Corona-Aufbaupakets auf Frankreichs Seite schlug und gemeinsamer Haftung für Schulden zustimmte, gilt in Paris als historischer Erfolg. Zudem wird erfreut registriert, dass Berlin sich in geopolitischen Fragen etwas aus der Passivität traut. Frankreich und Deutschland verbinde ein "sehr starkes internationales Engagement", kommentiert der Élysée das Treffen von Bregançon.

Nach den Corona-Monaten April und Mai, in denen Macron sich fast nur auf das Krisenmanagement der Pandemie konzentrierte, drängt es Frankreichs Präsidenten wieder in die Weltpolitik. Zwar steigt die Zahl der Covid-19-Infizierten im Land wie seit April nicht mehr, doch noch diktiert das Virus nicht die präsidiale Agenda. Macron nutzt die Atempause, um die Schwerpunkte zu setzen, die ihn besonders glänzen lassen.

Nach der verheerenden Explosion in Beirut Anfang August reiste Macron als erster internationaler Staatschef dorthin. Er bot nicht nur Hilfe an, er kritisierte offen Libanons Regierung. Auch gegenüber der Türkei setzt Macron auf laute Töne. Präsident Recep Tayyip Erdoğan betreibe eine "expansionistische Politik, die Nationalismus und Islamismus vermischt, die nicht mit Europas Interessen kompatibel" ist, sagte Macron Paris Match. Mit Blick auf Libanon und auf die Türkei will er als besorgter Nachbar verstanden werden. "Sehen Sie, es liegt genau vor uns", zitiert das Blatt den Präsidenten, der vom Sommersitz auf türkisblaues Wasser schaut: "Frankreich ist eine Mittelmeermacht."

Macron als internationaler Gestalter und Vermittler kommt in Frankreich gut an. Nach der zweimonatigen Ausgangssperre Mitte Mai fällten die Franzosen ein hartes Urteil über ihren Präsidenten. Sie warfen ihm und der Regierung vor, schlecht vorgesorgt und die Bevölkerung nicht genug vor der Epidemie geschützt zu haben. Macron versuchte Ende Juni einen Neustart, besetzte Ministerien um, machte Jean Castex zum Premier, ein Wiederaufbauplan von 100 Milliarden wurde angekündigt. Auch ohne Bruch mit der vorigen Politik verschaffte sich der Präsident Luft. Kamen die Zustimmung in Umfragen im Frühsommer nicht über 30 Prozent, bewerten im August bis zu 40 Prozent der Franzosen Macron positiv.

© SZ vom 21.08.2020/odg
Port of Beirut, 1925-1935, gelatin silver developing-out paper. Jorge Abud Chami Collection, courtesy of the Arab Image Foundation, Beirut

SZ PlusBeiruts Kulturszene
:Stadt der Zukunft

Nach der verheerenden Explosion in Beirut schwanken die libanesischen Künstler zwischen Apathie und Aufbruch. Kann die Welt von ihnen lernen?

Von Sonja Zekri

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite