Macron in LibanonKonzept mit eingebautem Widerspruch

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Das Land zu Reformen bewegen, aber nicht wie ein Kolonialherr auftreten: Frankreichs Präsident zeigt in Beirut eine Mischung aus Demut und Bestimmtheit.

Von Nadia Pantel und Dunja Ramadan, Paris/München

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Da geht es lang: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Gespräch mit seinem libanesischen Gastgeber, Präsident Michel Aoun.
Da geht es lang: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Gespräch mit seinem libanesischen Gastgeber, Präsident Michel Aoun. Gonzalo Fuentes/Reuters

Vom Flughafen direkt ins Wohnzimmer der Grand Dame der arabischen Musik: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron landete am Montagabend in Beirut - doch statt sofort den wenige Stunden zuvor auserkorenen Premier Mustapha Adib zu treffen, verlieh der Präsident der libanesischen Sängerin Fairouz zunächst den französischen Verdienstorden der Ehrenlegion. Es ist die ranghöchste Auszeichnung des Landes, erstmals gestiftet 1802 von Napoleon Bonaparte. Über seinen Besuch sagte Macron im Anschluss: "Fairouz gibt uns Hoffnung. Ich verspreche, dass wir zu einem besseren Libanon zurückkehren werden."

Vor dem Haus von Fairouz erinnerten Demonstranten Frankreichs Präsidenten daran, was sie von ihm erwarten. "Kein Kabinett mit den Mördern" und "Nein zu Adib!" und "Wir wollen Nawaf Salam!" Der 66-jährige Salam ist Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, in ihm sieht die Protestbewegung einen möglichen Kandidaten für eine zivilgeführte Regierung. Mit der Designation von Adib scheint diese Personalie nun unwahrscheinlich. In einem Interview mit dem Magazin Politico sagte Macron auf dem Flug nach Beirut, die Alternative Salam hätte nicht funktioniert, da er nicht genügend parlamentarische Unterstützung bekommen hätte. So soll die mächtige Hisbollah ein Veto gegen Salam eingelegt haben. Es ist vertrackt im Libanon, das weiß Macron. Er sagt deshalb auch: "Es ist eine riskante Wette, die ich mache, ich bin mir dessen bewusst. Ich lege das Einzige auf den Tisch, was ich habe: mein politisches Kapital."

Mit seinem Engagement betont Macron auch Frankreichs weltpolitisches Gewicht

Für Macron bedeutet sein Engagement in Libanon auch die Möglichkeit, das weltpolitische Gewicht Frankreichs zu betonen. "Wir müssen weiterhin versuchen, die gesamte internationale Gemeinschaft zu mobilisieren", sagte Macron. Er erklärte sich bereit, in Paris im Oktober eine weitere Konferenz zu organisieren, auf der finanzielle und logistische Hilfe für Libanon koordiniert werden soll. Das offensive Engagement Macrons läuft dabei stets Gefahr, als paternalistische Geste der früheren Kolonialmacht gesehen zu werden, Libanon wurde 1920 unter französischem Mandat gegründet. An diesem 1. September jährt sich die Entstehung des damals Großlibanon getauften Staates zum 100. Mal. Macron beging das Jubiläum mit einem Besuch in einem Zedernwald, dessen Schutz Frankreich mitfinanziert. Statt eine Rede zu halten, pflanzte er einen Baum. Die Libanesen seien für die Franzosen "wie Brüder" hatte Macron zuvor auf Twitter geschrieben, auch auf Arabisch. Eine Formulierung, welche die Gleichberechtigung der beiden Länder betonen soll. Die klaren Ansagen an die Politik kombiniert Frankreichs Präsident mit Zuneigungsbekundungen an Land und Bevölkerung.

Ganz so demütig trat Macron dann aber nicht auf. Am Dienstagnachmittag kam es zu einem Treffen mit den wichtigsten politischen Führern des Landes, das zweite innerhalb weniger Wochen. Im Vorfeld sollten diese ihre Ansichten zur Entwicklung des politischen Systems darlegen, schriftlich wohlgemerkt. Der libanesisch-britische Architekt und Satiriker Karl Sharro twitterte dazu, Macron gebe den libanesischen Politikern zwischen seinen Besuchen "Hausaufgaben." Das sei "rührend." Macron würde das wohl anders formulieren. Er beschreibt seinen politisch-diplomatischen Balanceakt in Libanon so: "Fordern, ohne Einfluss zu nehmen". Ein Konzept mit eingebautem Widerspruch. Schließlich hat Macron der libanesischen Politik einen Fahrplan vorgelegt, der etwa Neuwahlen innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate ermöglichen soll. Ab dem Nachmittag sammelten sich Demonstranten auf dem Beiruter Märtyrerplatz. Ziel sei es, die kriminelle Regierung zu konfrontieren, twitterten Aktivisten vorab - und das nahmen einige wörtlich: Protestierende durchbrachen die Absperrungen rund um das Parlament, die Polizei reagierte mit Tränengas. Bevor Macron sich mit Libanons Politikern traf, hatte er diese noch gewarnt: Dies sei "die letzte Chance für dieses System". Aus Sicht der Libanesen, die kurz später das Parlamentsgebäude mit Steinen bewarfen, hat das System diese Chance längst verspielt.

© SZ vom 02.09.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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