Frankreich Macrons Paartherapie funktioniert

Macron redet so, wie Boxer Kämpfe gewinnen: blitzschnell reagieren, nie müde werden, immer beweglich bleiben; hier mit Frauen in Pessac über deren soziale Situation.

(Foto: AFP)

Frankreich erlebt nicht nur eine Krise, sondern auch eine Wiedergeburt des Politischen - und daran hat ein Präsident, der mit dem Volk sehr viel redet, einen beträchtlichen Anteil.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Zu den beliebten Tipps für Paare in der Krise gehört der Hinweis, man möge sich ein gemeinsames Hobby suchen: Fahrrad fahren, kochen, gärtnern. Das Zerwürfnis zwischen den Franzosen und ihrem Präsidenten Emmanuel Macron hingegen schien so grundsätzlich, dass es gerade vermessen gewirkt hätte, es mit einer Paartherapie zu versuchen. Und doch entspannt sich dieses Verhältnis gerade von Woche zu Woche ein Stückchen mehr. Der Schlüssel zum Erfolg: Volk und Chef haben ein gemeinsames Hobby gefunden.

Wenig beherrscht Macron so gut wie ein konzentriertes Gespräch. Und wenig lieben die Franzosen so sehr wie einen engagierten Streit. Seit zwei Monaten finden Präsident und Bürger sich nun einmal wöchentlich zum nationalen Debattierklub zusammen. Kaum jemand hielt Macrons grand débat am Anfang für eine gute Idee. Die Bevölkerung probt den Aufstand, und der Präsident will einfach reden?

Auch in Deutschland ist eine Bewegung der Gilets jaunes denkbar

Macron redet so, wie Boxer Kämpfe gewinnen: blitzschnell reagieren, nie müde werden, immer beweglich bleiben. In den vergangenen Wochen hat er Lokalpolitiker, Schüler, Alleinerziehende und Vereinsvorsitzende in Mehrzweckhallen im Norden, Süden und Westen des Landes geladen und sich in Marathondebatten nicht unter fünf Stunden ihren Fragen und Vorwürfen gestellt. Macron hat sich zu seiner Rehabilitierung eine Übung überlegt, die er perfekt beherrscht. Hatten im Dezember nur 24 Prozent der Franzosen ein positives Bild von ihm, liegen seine Zustimmungswerte inzwischen bei 39 Prozent.

Entscheidend ist, dass es sich bei diesem Popularitätsgewinn nicht nur um einen Anerkennungserfolg handelt. Die Franzosen sehen in ihm keinen besseren Präsidenten, weil er sich beim Debattieren die Namen seiner Gesprächspartner merken kann und weil er so gut gelaunt die Ärmel hochkrempelt, wenn er sich in Fahrt geredet hat. Sie nehmen ihn wieder ernst, weil er ihnen das Gefühl einer gewissen gedanklichen Freiheit zurückgegeben hat.

Der grand débat ist nicht nur eine Leistungsshow des Präsidenten, die Bürger haben es als Forum angenommen, in dem sie darüber nachdenken, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen. In jeder Region des Landes kommen in diesen Tagen Menschen zusammen, die über Steuergerechtigkeit, Umweltschutz und Schulreformen diskutieren. Wenn man diese Abende besucht, lernt man Menschen kennen, die sich gründlich vorbereitet haben, die ihre Rechte und Pflichten kennen und ein ehrliches Interesse daran haben, etwas zu verbessern.

Gerade weil der grand débat so viel besser funktioniert als vielfach vermutet, kann er auch zu einer Gefahr für das Land werden. Mit der Bewegung der Gilets jaunes hat sich in den Straßen eine ohnmächtige Wut entladen. Die Menschen zogen sich Warnwesten über, weil viele das Gefühl haben, keine Parteien mehr zu finden, die ihnen eine wirkliche Verbesserung ihrer Lebensumstände versprechen können. Es ging bei den Protesten nicht nur um materielle Not, sondern auch um das Bedürfnis nach mehr demokratischer Mitbestimmung.

Die Debatten, die nun in Frankreich unter Macrons Initiative geführt werden, sind kein luftiges Gerede, viele zerbrechen sich sehr konkret den Kopf darüber, wie die Entfremdung zwischen Bürgern und Politik wieder rückgängig gemacht werden kann. Es ist Unsinn, ständig über niedrige Wahlbeteiligungen zu schimpfen und gleichzeitig nicht zu reagieren, wenn Bürger nach neuen Wegen suchen, sich an der Entscheidungsfindung zu beteiligen. Dann bekämen diejenigen recht, die in den vergangenen Wochen in Frankreich bewiesen haben, dass sich mit Gewalt politische Eingeständnisse erzwingen lassen.

Die Proteste der Gilets jaunes zeichnen ein grelles Bild von der Krise der Demokratie. Macron und die Demonstrierenden eint die Skepsis gegenüber Gewerkschaften, Parteien und dem Parlament. Im Grand débat wird nun neu darüber verhandelt, wie das Volk sich vertreten sehen möchte und ob es dazu neuer Instrumente bedarf. Wenn am Ende dieser Auseinandersetzung einfach nur ein paar bunte Broschüren gedruckt werden, dürfte es nicht lange dauern, bis sich die nächste Widerstandsbewegung formiert.

Der Widerstand und Unmut sind nicht auf Frankreich beschränkt. Auch in Deutschland ist eine Bewegung der Gilets jaunes denkbar. Die Konflikte zwischen Stadt und Land, zwischen Paris und Provinz sind nicht übertragbar - das Gefühl, keinen Wert mehr zu haben, allerdings schon. In Frankreich sind in den vergangenen Monaten Menschen auf die Straße gegangen, die schon lange nicht mehr wählen, die innerlich den Glauben daran aufgegeben hatten, ihr Leben gestalten zu können. Indem sie sich Warnwesten übergezogen haben, haben sie keine Lösung für ihre Probleme gefunden, doch sie haben sich aus ihrer Passivität befreit. Gleichzeitig nehmen Zehntausende das Gesprächsangebot von Macron an. Frankreich erlebt nicht nur eine Krise, es erlebt auch eine Wiedergeburt des Politischen.

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