Emmanuel Macron Frankreichs selbstgerechter Präsident

Macron steckt mitten in einem Skandal um einen prügelnden Sicherheitsmann - und schweigt. Ausgerechnet er, der das politische System revolutionieren will, lässt Kritikfähigkeit vermissen.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Über ein Jahr hinweg ist Emmanuel Macron als ungewöhnlich korrekter Präsident aufgefallen. Er hat die Franzosen weder mit privaten noch mit dienstlichen Peinlichkeiten belästigt. Und der Weltöffentlichkeit hat er den Gefallen getan, zwischen all den Erschöpften und Unlauteren, die auf internationaler Bühne aufeinandertreffen, die gut gelaunte, eloquente, mutige Ausnahme darzustellen. Doch nun hat Macron zum ersten Mal wirklich Ärger. Der Skandal um seinen prügelnden Sicherheitsmann hat sich zur Staatsaffäre ausgewachsen.

Man könnte den Furor, mit dem sich Medien und Opposition auf den Fall stürzen, leicht für Häme halten: Endlich macht dieser Streberpräsident einen Fehler. Doch selbst wenn Genugtuung im Spiel sein sollte, sie macht das Geschehene nicht weniger falsch.

Der Sicherheitsmann wütete gegen Macrons politische Gegner

So wie sich die Lage aktuell darstellt, hat Frankreichs Präsident sich als engen Begleiter einen Mann ausgesucht, der nicht verstanden hat, wie ein Rechtsstaat funktioniert. Einen Mann, der glaubt, es gehöre zu seinen Aufgaben, einer Frau am Rande einer Demonstration die Beine wegzutreten. Macrons nun entlassener Sicherheitsmann Alexandre Benalla hat nicht privat geprügelt, er trat wie ein Polizist auf. Den Stabschef des Élysée-Palastes hat dieser zwei Monate alte Vorfall gerade einmal genug geärgert, um eine kurze Suspendierung zu veranlassen. Dienstwagen, Dienstwohnung, direkter Zugang zum Präsidenten - all das blieb unangetastet.

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Macron-Mitarbeiter soll Demonstranten verprügelt haben

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Als Benalla am 1. Mai seine Ordnungshüterfantasien auslebte, waren Tausende Franzosen auf der Straße, um gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik Macrons zu protestieren. Benalla wütete also gegen die politischen Gegner seines Chefs - und wurde dabei gefilmt. Es ist schwer nachvollziehbar, warum man im Élysée-Palast glaubte, dieser Vorfall würde einfach so verschwinden, ohne dass jemand daran Anstoß nähme.

Der Präsident sollte mit den Seinen penibler sein

Die Aufbereitung des Falls gibt eine Ahnung davon, wie zentnerschwer die Selbstgerechtigkeit im Élysée lagert. Bevor Macron einzog, schrieb er ein Buch, das er "Revolution" nannte. Alles müsse man künftig anders machen. Politik, befand der damalige Kandidat, sei viel zu oft ein intransparentes, eitles Geschacher um Macht. Er werde Frankreich uneigennützig und sauber regieren. So ein Kandidat, könnte man meinen, wird einmal ein kritikfähiger Präsident. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Macron schweigt. Und seine Mitstreiter reagieren maulig.

Innenminister Gérard Collomb sagte am Montag vor dem Untersuchungsausschuss, dass er mit dem Präsidenten nur "so kurz wie möglich" über die Prügelaffäre gesprochen habe, Macron sei schließlich aktuell mit der Verfassungsreform befasst. Subtext: Liebe, trottelige Abgeordnete, stört uns bitte nicht beim Regieren. Und eine Abgeordnete von La République en Marche sagte bei derselben Gelegenheit, dass man doch berücksichtigen müsse, dass die Demonstrationen am 1. Mai besonders gewalttätig und unübersichtlich gewesen seien. Als sei nicht der falsche Polizist Benalla das Problem, sondern als seien es die Demonstranten.

Vor einem Monat stauchte Macron vor laufenden Kameras einen Teenager zusammen, der ihn mit "Manu" und nicht mit "Monsieur le Président" angesprochen hatte. Ein Präsident darf sich gerne für korrekte Umgangsformen einsetzen. Er sollte dann aber mit sich selbst und den Seinen auch penibel sein.

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