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Nordkorea:Kim Jong Il - ein Diktator experimentiert

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il befördert seinen Sohn zum General - und leitet so den Machtwechsel ein. Nie war die Hoffnung größer, dass es mit der Diktatur in Nordkorea bald zu Ende geht.

Stefan Kornelius

Zum Diktator wird man nicht geboren, und eine Diktatur kann man auch nicht einfach so erben wie einen Teppich. Eine Diktatur lebt von Gewalt und Intransparenz, von Misstrauen und der Angst der Untertanen. Nur wenn alle Machtzentren einer Diktatur hinreichend Angst voreinander und vor allem vor dem Diktator selbst haben, kann die bizarre Herrschaftsform überleben. Kaum ein Diktator überlebt die eigene Herrschaftsperiode unangefochten. Und nur selten funktioniert, was nun offenbar in Nordkorea vorbereitet wird: Die Übergabe der diktatorischen Macht von der zweiten auf die dritte Generation.

Nordkoreas Arbeiterpartei bestimmt neue Führung

Zum Diktator wird man nicht geboren, und eine Diktatur kann man auch nicht einfach so erben wie einen Teppich: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il.

(Foto: dpa)

Nordkorea versucht sich von diesem Dienstag an in einem monarchistischen Experiment. Die Macht soll erneut von Vater auf Sohn weitergereicht werden, 16 Jahre nach der letzten Diktator-Krönung. Freilich gibt es gravierende Unterschiede, die jeden Vergleich mit der Machtübernahme von Kim Jong Il nach dem Tod seines Vaters Kim Il Sung verbieten.

Die Macht des "Geliebten Führers" schwindet

Die Erbfolge ist in der Diktatur bei weitem nicht so planbar wie in einer Monarchie, vor allem weil die Herrschaft immer nur im Machtkampf entstehen und gehalten werden kann. Kim Jong Il durchwanderte von 1980 an 14 lange Jahre in unterschiedlichen Funktionen das System, ehe er ausreichend Verbündete gesammelt und Grausamkeiten vollbracht hatte, um den Machtanspruch auch durchsetzen zu können. In dieser Zeit war er geschützt durch den Vater.

Die sich nun abzeichnende Übergangsphase in Nordkorea stellt sich weit weniger vorteilhaft dar für den Herrscher-Clan. Die Macht des "Geliebten Führers" schwindet mit seiner körperlichen Stärke, in Südkorea kann fast jedes Schulkind die nordkoreanischen Lager der Macht aufsagen: Partei gegen Militär, Modernisierer gegen Isolierer, unterschiedliche Zweige des Clans. Und dem potentiellen Nachfolger, Kim Jong Un, wird wenig Lehrzeit gegönnt sein.

Neben den inneren Bedingungen sprechen auch die äußeren Umstände gegen einen sanften und kontrollierten Machtwechsel. Nordkorea ist kein fester Bestandteil mehr der Block-Konstellation auf der Welt. Es darf sich höchstens noch der Gunst Chinas sicher sein. Aber wie lange noch und aus welchem Motiv? China ist in seiner Beschützerrolle gespalten: Einerseits hat Peking ein hohes Interesse daran, Nordkorea in seinem Einflussbereich zu halten, denn ein vereintes Korea unter der Führung des Südens würde sein Heil in der Neutralität oder vielleicht gar an der Seite der USA suchen. Andererseits ist Nordkorea eine gesellschaftliche Treibmine.

Ein fast nicht kalkulierbares Unterfangen

Sollte das Land nach einem unkontrollierten Machtwechsel im internen Lagerkrieg implodieren, müsste China die Schockwellen absorbieren, Flüchtlinge aufnehmen, Hungersnöte lindern, Gewalt unterbinden. Jede Öffnung Nordkoreas ist mit einem gewaltigen Risiko verbunden. Anders als die Bürger im Glacis der Sowjetunion sind die Nordkoreaner tatsächlich isoliert. Ihre Welt ist nicht die Welt da draußen, ihre Wahrheiten sind konstruiert. Wie soll man damit umgehen?

Jede auch noch so kleine Verschiebung in einem diktatorischen Machtgefüge bringt Risiken für den Herrscher mit sich. Ein Machtwechsel ganz oben an der Spitze ist ein fast nicht kalkulierbares Unterfangen. Nordkorea wird in der Phase des Wechsels politisch angreifbar sein - von innen und außen. Wenn der neue Herrscher sich nicht unmittelbar große Autorität verschafft, wenn er nicht viel Angst verbreitet (was nur durch blanke Brutalität gelingen wird), oder wenn er sich nicht auf einen loyalen Schattenapparat verlassen kann (was angesichts der Lagerbildung fraglich ist), dann sind die Tage dieser Diktatur gezählt.

Der Machtwechsel liefert die seit Gründung des Staates stärkste Hoffnung, dass es bald ein Ende haben könnte mit der Kim-Clique und vielleicht auch mit der Diktatur in Nordkorea.

© SZ vom 28.09.2010/ebc

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