Proteste in Kairo gegen Militärrat "Tantawi, verschwinde!"

Militärchef Tantawi kündigt an, bis Mitte kommenden Jahres die Macht an eine zivile Regierung übergeben zu wollen - das geht den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz nicht weit genug: Tausende harren über Nacht aus, sie fordern die sofortige Absetzung Tantawis. In Alexandria stirbt ein Mann bei Krawallen.

Auch nach der Ankündigung des in Ägypten herrschenden Militärrats, die Macht bis Mitte nächsten Jahres an eine zivile Regierung zu übergeben, dauern die Proteste auf dem Tahrir-Platz an: Noch immer halten die Demonstranten den symbolträchtigen Platz im Zentrum Kairos besetzt. Über Nacht harrten Tausende aus und forderten lautstark die Ablösung des Militärrats.

Dessen Vorsitzender, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, hatte zuvor in einer Fernsehansprache einen Zeitplan für die Machtübergabe vorgelegt und Präsidentenwahlen bis spätestens Ende Juni 2012 in Aussicht gestellt. Der ägyptischen Protestbewegung geht das nicht weit genug: Auf nächtlichen Live-Bildern des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira waren Demonstranten zu sehen, die die sofortige Absetzung Tantawis verlangten. "Tantawi, verschwinde!" skandierten sie in Richtung des Militärchefs. Sie kündigten an, den Tahrir-Platz so lange besetzt zu halten, bis ihre Forderungen erfüllt seien.

Den Berichten zufolge kam es in den Seitenstraßen auch in der Nacht zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Demnach konzentrierten sich die Straßenschlachten auf die Gegend um das hochgesicherte Innenministerium nahe des Tahrir-Platzes. Demonstranten mit Schusswunden sollen in den Lazaretten behandelt worden sein. Auf Bildern ist zu sehen, wie Krankenwagen am Tahrir-Platz ankommen, um Verletzte abzuholen.

Ein Teilnehmer hält Patronenhülsen von Gummigeschossen in die Kamera, ein anderer erzählt einem Bericht der BBC zufolge, dass scharfe Schüsse abgegeben worden seien. Am Vortag hatten Berichte für Wirbel gesorgt, wonach die ägyptische Armee besonders aggressives Gas des amerikanischen Herstellers "Combined Systems Inc (CSI)" einsetzen soll. Auch in Alexandria kam es zu Zusammenstößen, ein 38-jähriger Mann starb dabei. Dem Gesundheitsministerium zufolge wurde er von einer Kugel am Kopf getroffen.

In der Fernsehansprache hatte Tantawi vergeblich versucht, um Vertrauen bei den Demonstranten zu werben. "Die Streitkräfte wollen nicht an der Macht bleiben (...) Wir sind bereit, die Macht sofort abzugeben, notfalls auch nach einem Referendum", versuchte der General zu versichern. Der für kommenden Montag geplante Beginn der Parlamentswahlen soll trotz der Proteste und Gewalt nicht verschoben werden.

Scharfe Kritik äußerte Tantawi an den Demonstranten. Ägypten habe wegen der unsicheren Lage viele Investoren verloren, monierte er. Angesichts der fortdauernden Gewalt waren die Börsenkurse in Ägypten weiter gefallen.

Lob für Militärrat aus Washington

Die US-Regierung begrüßte die jüngsten Ankündigungen des ägyptischen Militärrats: Außenministeriumssprecherin Victoria Nuland lobte insbesondere das Festhalten an der Durchführung der Parlamentswahl in der kommenden Woche sowie die geplante Machtübergabe an eine zivile Regierung bis spätestens Juli 2012. Zugleich kritisierte Nuland das gewaltsame Vorgehen der ägyptischen Polizei gegen Demonstranten. Ägyptens Militär war jahrzehntelang Partner der USA, Washington rüstete die ägyptische Armee aus.

Wegen der anhaltenden Gewalt war nicht klar, ob die Sicherheit der Wähler bei der anstehenden Abstimmung überhaupt gewährleistet werden kann. Darüber hinaus sagten mehrere Parteien und Kandidaten aus Protest gegen das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte ihre Teilnahme bei der anstehenden Parlamentswahl ab.

Bei den seit Samstag andauernden Krawallen sind nach Angaben von Medizinern und Juristen mindestens 36 Menschen allein rund um den Tahrir-Platz ums Leben gekommen. Tausende sollen verletzt worden sein, viele durch Tränengas. Am Dienstag waren Zehntausende Anhänger von Linken, Liberalen, Islamisten sowie der Jugendbewegung "6. April" dem Aufruf von 38 Oppositionsgruppen gefolgt und auf den Tahrir-Platz gezogen.