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Machtkampf in der Elfenbeinküste:UN finden Hinweise auf Massaker

Während sich Despot Gbagbo in seinem Bunker verschanzt, ruft Rivale Ouattara seine Landsleute zur Versöhnung auf. Doch eine Wende zum Besseren ist in der Elfenbeinküste nicht in Sicht: UN-Ermittler haben im Westen des Landes in den vergangenen 24 Stunden 100 Leichen entdeckt, womöglich stecken Ouattaras Soldaten dahinter.

UN-Ermittler haben im Westen der Elfenbeinküste die Leichen von mehr als hundert Opfern offenbar ethnisch motivierter Gewalt gefunden. An drei Orten seien in den vergangenen 24 Stunden mehr als hundert Leichen entdeckt worden, berichtet das Team der Vereinten Nationen, das im Westen des westafrikanischen Landes Menschenrechtsverstöße untersucht.

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Beschwörung der Einheit und Versöhnung: Allassane Ouattara, gewählter Präsident der Elfenbeinküste, verlangt von seinen Landsleuten, von Racheaktionen abzusehen.

(Foto: AFP)

Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat Berichte von Massakern erhalten, bei denen in Douékoué, etwa 150 Kilometer nördlich von Tabou, über 800 Menschen umgekommen sein sollen. In der Stadt soll es der UN-Mission und internationaler Hilfsorganisationen zufolge in der vergangenen Woche mehrere Massaker gegeben haben. Beim Einmarsch der Truppen des international anerkannten Präsidenten Alassane Ouattara hätten sich seine Anhänger an den Unterstützern des langjährigen Staatschefs Laurent Gbagbo gerächt. Diese sollen zuvor ihrerseits zahlreiche Menschen ermordet haben, berichtete Rupert Colville, der Sprecher des UN-Menschenrechtskommissariats.

Einem BBC-Bericht zufolge sagte Colville, dass einige Menschen bei lebendigen Leibe verbrannt worden seien, andere seien in einen Schacht gestürzt worden. Anfang April hatte das UN-Menschenrechtskommissariat bereits von "unbestätigten Berichten" über "schwere Menschenrechtsverstöße der Ouattara-Kämpfer" gesprochen. Ihnen würden Plünderungen, Erpressungen, Entführungen, willkürliche Festnahmen und Misshandlungen von Zivilisten vornehmlich im Westen der Elfenbeinküste vorgeworfen. Ouattara und Gbagbo hätten sich gegenseitig der Gewalttaten beschuldigt. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes seien bei den Massakern insgesamt bis zu 600 Menschen ermordet worden. Allerdings gab sich Colville bei Schuldzuweisungen zurückhaltend: Es sei schwierig, herauszufinden, wer hinter den Gewalttaten stecke.

Derweil sprachen die Vereinten Nationen von einer "verstörenden" humanitären Lage und warnten vor einer humanitären Katastrophe in dem Land: Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos war in die Elfenbeinküste und das benachbarte Liberia gereist und schildert ihre Eindrücke als "extrem verstörend". In Liberia leben nach Angaben von Caritas International 130.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste. Viele Menschen seien schwer traumatisiert. Einige hätten sich aus Angst drei Tage lang in den Sümpfen versteckt, berichtete Amos. Noch Tausende weitere Flüchtlinge würden in den Wäldern vermutet. Milizionären jagten die Menschen "wie Hunde".

Bei den Kämpfe in der Elfenbeinküste, die seit fünf Monaten andauern, seien Tausende Menschen getötet worden. Nach UN-Angaben sind etwa eine Million Menschen auf der Flucht vor der Gewalt.

Ouattara will Gbagbo aushungern

Unterdessen hat Alassane Ouattara das Gebiet rund um die Residenz seines Rivalen Laurent Gbagbo zum Sperrgebiet erklärt. Man werde warten, bis dem früheren ivorischen Machthaber Wasser und Nahrungsmittel ausgingen, sagte Ouattara am Donnerstag in seiner ersten Fernsehansprache seit der blutigen Eskalation seines Machtkampfs mit Gbagbo. Mit der Blockade sollten zudem die Anwohner vor den Kämpfen mit Gbagbo und seinen letzten Getreuen geschützt werden.

Gbagbo hat sich in seiner Residenz in Abidjan verschanzt. Der langjährige Staatschef weigert sich weiter, sein Amt abzugeben, und hält sich seit Tagen in einem Bunker seiner Residenz in Abidjan verschanzt. Alle Versuche Ouattaras und seiner Truppen, ihn mit Gewalt aus der Residenz zu holen, sind bisher gescheitert.

Ouattara rief alle Landsleute zur Versöhnung auf: Niemand dürfe Rache nehmen, forderte der Staatschef, dessen Truppen inzwischen das Land kontrollieren. Gleichzeitig versicherte er, die Elfenbeinküste sei "unteilbar". Mit seinem Aufruf zur Einheit und Versöhnung kam er einer Forderung Frankreichs nach.

Während die Situation in Abidjan angespannt bleibt, versprach Ouattara, für Ruhe, Ordnung und Sicherheit in der Millionenmetropole und im ganzen Land zu sorgen. Ab Freitag werde die nächtliche Ausgangssperre gemildert - mit dem Ziel, die Lage wieder zu normalisieren. Außerdem will Ouattara das Wirtschaftsleben wieder in Gang bringen. So sollen die Banken ihre Geschäfte wieder aufnehmen, damit Gehälter und Rechnungen bezahlt werden können. Auch versprach er, den UN-Berichten über den von seinen Leuten verübten Massakern im Westen des Landes nachzugehen und forderte seine eigenen Truppen zu "vorbildlichem Verhalten" auf.

Ouattara bat außerdem die Europäische Union um Aufhebung ihrer Sanktionen über die Häfen des Landes: Dass eine entsprechende Bitte eingegangen sei, bestätigte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton. Die EU stehe in engem Kontakt mit Ouattara. Um welche konkreten Sanktionen es geht und um welchen Zeitrahmen es sich handelt, wollte der Sprecher nicht sagen.

© sueddeutsche.de/AFP/dapd/rtr/gal/mikö
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