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Machtkampf in Ägypten:Der Gegner als Dämon

Ägypter setzen in Kairo ein Plakat mit dem Konterfei des abgesetzten Präsidenten Mursi in Brand

(Foto: AP)

Das harte Vorgehen der Polizei, die etwa 1000 Toten, all die Verletzten und Verhafteten, die brutalen Zwischenfälle: Amerikaner, Deutsche oder Franzosen sind entsetzt, in welchen Gewaltorgien Ägyptens "zweite Revolution" vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausartet. Die Ägypter selbst sehen die Lage komplett anders.

Die Welt ist entsetzt über Ägypten - und die Ägypter zürnen der Welt. Das beispiellos harte Vorgehen von Armee und Polizei gegen die Islamisten, die rund 1000 Toten, all die Verletzten und Verhafteten, das spricht in den Augen der Amerikaner, Deutschen oder Franzosen dem Versprechen des Militärs Hohn, dass der Sturz von Muslimbruder-Präsident Mursi eine "zweite Revolution" sei und den Weg bereite für Demokratie und Rechtsstaat. Die internationale Gemeinschaft, mit Ausnahme der Golfmonarchien, fürchtet die Rückkehr des alten, autoritären Systems im wichtigsten Land der arabischen Welt, die Rolle rückwärts in die Zeit vor dem Anti-Mubarak-Aufstand.

Die Ägypter selbst sehen die Lage komplett anders. Sie werfen dem Ausland entweder Ignoranz vor oder offene Parteinahme für Extremisten: Die Islamisten sind Militante, die Polizisten ermorden, christliche Kirchen in Brand stecken und die Bevölkerung mit Dauerprotesten und Gewalt terrorisieren. Die blutige Katharsis wird zur politischen Notwendigkeit, um einem neuen Ägypten den Weg zu ebnen. Dazwischen gibt es nichts. Nur Sprachlosigkeit, Unverständnis, Abwendung.

Einflussnahme ist unmöglich

Alle mahnenden Einwürfe, etwa die voraussagbar kritische Abschlusserklärung des anstehenden EU-Außenministertreffens, werden eines bestätigen: Derzeit kann keiner auf Ägypten Einfluss nehmen. Armeechef al-Sisi und die vom Militär eingesetzte Zivilregierung haben sich für ein Vorgehen entschieden, das keine Umkehr erlaubt. Die Islamisten haben sich ebenfalls jeden Ausweg verbaut und setzen auf Eskalation bis zum Ende. Sie hetzen ihre Anhänger auf Plätze und Straßen, wissend, dass es zu Gewalt kommen muss. Das Steinewerfen mag in Ägypten zu jedem Protest gehören, aber Teile der Demonstranten ziehen jetzt mit Sturmgewehren durch die Straßen.

Schon ein einziges Gewehr bei einer Demonstration ist ein Gewehr zu viel: Es entzieht den Muslimbrüdern die Kraft ihres Arguments, wonach gewählte Staatschefs abgewählt, aber nicht gestürzt werden dürfen. Ob ihre Anführer die Brandschatzungen von Kirchen und Polizeistationen befohlen haben oder ihre Anhänger dem Hass freien Lauf lassen: Politisch sind die Islamistenführer verantwortlich.

Dynamik der Gewalt

So entfaltet sich eine Dynamik, die von beiden Seiten geschaffen wurde: die Dämonisierung des Gegners, das Nein zu politischen Lösungen. Ein offener Bürgerkrieg wie in Syrien, bei dem eine radikalisierte und sich bewaffnende Opposition ganze Landesteile kontrolliert und der Staat de-facto zusammenbricht, ist dennoch unwahrscheinlich: Ägypten ist kein ethnischer Flickenteppich, die Bevölkerungsmehrheit steht derzeit gegen die Islamisten, die christliche Minderheit kann sich nur an das Regime anlehnen.

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Sicher wird ein Teil der Fundamentalisten in den Untergrund gehen und gezielten Terror ausüben. Ähnlich wie im Algerien der Neunzigerjahre, als die Islamisten die Parole vom gestohlenen Wahlsieg verbreiteten, werden die Muslimbrüder die "geraubte Präsidentschaft" als Rechtfertigung für Anschläge und Mord anführen. Sie können dem Land einen Abnutzungskrieg aufzwingen, bei dem keine Seite Gnade kennt und unter dem vor allem einer leidet: die Bevölkerung.

Fürs Erste dürften die übermächtig erscheinende Armee und Polizei sich wohl durchsetzen und die Proteste in Kairo und Alexandria mit der eisernen Faust beenden. Ruhe wird dies auch in einem Polizeistaat nicht bedeuten: Soziale und politische Probleme führen in derart destabilisierten Gesellschaften zu immer neuen Unruhen, egal ob die Muslimbrüder nun die Anführer sind oder andere: Das haben die Protestwellen im Ägypten der letzten zweieinhalb Jahren gezeigt.