Machtkampf bei den Grünen Zwei Realos an der Spitze? Na und!

Annalena Baerbock und Robert Habeck

(Foto: dpa)

Mit Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen zwei Realpolitiker die Grünen führen. Ist das falsch, weil dann der linke Flügel fehlt? Nein, denn qualifizierte Personen sind wichtiger als der alte Proporz.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Die Grünen hatten eine schwere Zeit bis zur Bundestagswahl am 24. September - und haben danach ziemlich vieles richtig gemacht. Das klingt fast paradox bei einem Wahlergebnis von nicht einmal neun Prozent. Doch statt sich zu zerfleischen und nach Schuldigen zu fragen für ein bestenfalls mittelmäßiges Ergebnis, antworteten sie auf die Jamaika-Herausforderung mit unerwarteter, ja kluger Geschlossenheit.

Auch wenn es zu Beginn nicht alle Beteiligten so wollten: Dass sie in nur wenigen Tagen ein 14er-Team aus Jungen und Älteren, aus Männern und Frauen, aus Linken und Realos zusammenstellten, war schon fast eine historische Leistung. Auf diese Weise gelang es ihnen, binnen Wochenfrist mehr Gemeinschaftsgefühl aufzubauen, als es die Grünen in Jahrzehnten zuvor geschafft hatten.

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Das lag nicht daran, dass Linke und Realos sich während der Jamaika-Sondierungen in jeder wichtigen Frage einig waren. Es lag daran, dass alle sich hinter dem gemeinsamen Ziel vereinten, klug und ausgeglichen und vor allem als Kollektiv um ein Jamaika-Bündnis zu kämpfen. Jamaika ist nun zwar fürs Erste passé. Aber an dieser neuen Geschlossenheit sollten die Grünen nicht mehr rütteln.

Aus diesem Grund sollten sie die Tatsache, dass mit Annalena Baerbock und Robert Habeck zwei leidenschaftliche Grüne an die Parteispitze möchten, nicht länger unter der alten Brille des Proporzes bewerten. Dass nach vier Jahren mit doppelter Doppelspitze in Partei und Fraktion neue Gesichter antreten, kann nur jene überraschen, die bewusst ignorieren, dass in den vergangenen vier Jahren nicht alles gut lief. Deshalb lag es auf der Hand, jetzt manches neu zu entwickeln. Das ist kein Verrat und kein Angriff auf irgendjemanden. Es entspricht dem Bedarf, bei aller Selbstzufriedenheit in der neuen Mannschaft wach zu bleiben und die nötige Erneuerung nach vier Jahren möglich zu machen.

Zumal die Ankündigung der beiden nicht heißt, dass sie schon gewählt sind. Sie treten an, sie fördern den Wettbewerb und sie machen etwas, das viele andere Grüne, auch prominente, fast nicht mehr für möglich hielten: Sie signalisieren mit ihrer Lust auf das Amt, dass dieses Amt eben doch attraktiv ist. Kleine Parteizentrale, wenig Geld, wenig Infrastruktur verglichen zu den Fraktionsmöglichkeiten - das waren einige der Stereotype, die dazu führten, dass die Parteizentrale Grünen-intern nicht eben als interessanter Ort galt. Umso besser, dass zwei nun ins Rennen gehen und das mit dem Image und den begrenzten Möglichkeiten nicht so eng sehen.

Für die Amtsinhaber ist das natürlich keine schöne Sache. Für Cem Özdemir nicht, weil er zwar hochangesehen ist und sich in den Jamaika-Wochen zusätzliche Reputation erarbeitet hat. Trotzdem kann ihm jetzt passieren, dass er am Ende ohne Amt dasteht, wenn auch in der Fraktion alle wichtigen Jobs an ihm vorbeigehen sollten. Das schön klingende Amt des Spitzenkandidaten wäre spätestens dann obsolet, wenn die große Koalition tatsächlich zusammenfindet.

Die Aussichten von Simone Peter sind nicht gerade rosig

Wirklich überrascht freilich kann Özdemir nicht sein. Zu oft hat er im vergangenen Jahr erklärt, dass er nach acht Jahren als Parteichef nicht mehr antreten werde. So gesehen dürfte er sich auf dieses Szenario seit Langem vorbereitet haben. Anders sieht das für Simone Peter aus. Sie hat längst erklärt, dass sie wieder dabei sein möchte. Ob sie wirklich eine Chance hat, steht in den Sternen. Zu harsch und zu öffentlich waren ihre Auseinandersetzungen mit Ödzemir, als die beiden das Tandem bildeten. Außerdem hat sie wenig Ideen neu entwickelt, sondern galt über viele Jahre im Vorsitz als jene, die sich stark an der reinen Lehre der Parteilinken orientierte. Dass sich das zuletzt ein wenig änderte, könnte ein bisschen helfen. Trotzdem sind ihre Aussichten nicht gerade rosig.

Umso mehr könnte sie versucht sein, die Linken gegen die beiden Realos in Stellung zu bringen. Hätte Peter damit Erfolg, wäre die große Errungenschaft der vergangenen Wochen wieder verloren. Wer sich fragt, warum die Grünen derzeit in den Umfragen bei elf bis dreizehn Prozent stehen, sollte genau darauf schauen: die Wirkung, die man entfaltet, wenn man gemeinsam auftritt. Nichts hat zu den aktuell guten Werten mehr beigetragen als die Botschaft: Wir vierzehn zeigen uns kooperativ - und stehen dabei zusammen.

Diese neue große Qualität kann man nur retten, wenn Kandidaten für sich antreten, sich also mit der eigenen Position, den eigenen Überzeugungen, auch den eigenen Schwächen ins Rennen stürzen. Wer Flügel braucht, um gewählt zu werden, entwickelt nicht die Stärke, die die Grünen auf Dauer stark machen könnte.

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