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Machtdemonstrationen:Inseln der Zwietracht

Japans und Chinas Streit im Ostchinesischen Meer verhärtet zusehends - weil die Großmacht immer rücksichtsloser vorgeht.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am vergangenen Mittwoch hatte Yoshihide Suga, Chefsekretär des japanischen Regierungskabinetts, eine runde Zahl zu vermelden. Trotzdem war er nicht in feierlicher Stimmung, im Gegenteil: Gezählt wurde der hundertste Tag in Serie, an dem chinesische Schiffe in der Nähe der Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer gesichtet wurden. So eine lange Phase chinesischer Machtdemonstrationen rund um die umstrittene Felsengruppe hatte es noch nicht gegeben, seit Japan diese im Jahr 2012 unter seine staatliche Kontrolle genommen hatte. "Extrem ernst", nannte Suga die wiederholten Aktivitäten des Nachbarn. "Patrouillenschiffe der japanischen Küstenwache haben Warnungen ausgegeben, und wir haben der chinesischen Seite unsere Proteste über die diplomatischen Kanäle wieder und wieder mitgeteilt", sagte er. Und fügte hinzu, man werde unnachgiebig, aber ruhig reagieren.

Wirtschaftlich gut, politisch frostig - so ist derzeit das japanisch-chinesische Verhältnis

In den Gewässern rund um besagte Senkaku-Inseln kann Japans Regierung den chinesischen Offensivgeist immer gut beobachten. Die Inseln, die eigentlich eher eine Felsengruppe sind, liegen weitab von Ishigaki, der Urlaubsinsel in der Präfektur Okinawa mit Japans südlichster Stadt. Die Senkaku-Inseln sind strategisch wertvoll für die Kontrolle der Seewege und ein Symbol der Machtverhältnisse im chinesischen Meer. Lange kümmerten sich die Chinesen nicht um ihre historischen Ansprüche auf die versprengten Felsen, die sie Diaoyu-Inseln nennen. Aber seit einigen Jahren lassen sie nicht mehr locker. Und derzeit wirken sie rücksichtslos.

Anfang Juli notierten die Japaner einen demonstrativen Rekordaufenthalt der chinesischen Küstenwache in japanischen Hoheitsgewässern: 39 Stunden und 23 Minuten. Wenige Tage später beschwerten sie sich in Peking darüber, dass ein chinesisches Forschungsschiff in der exklusiven Wirtschaftszone unterwegs gewesen sei. Auf der anderen Seite klagten die Chinesen über japanische Aktivitäten: Fischerboote hätten bei den Inseln chinesisches Gebiet gekreuzt. Außerdem war Peking sauer, als die Stadtversammlung von Ishigaki beschloss, die Meeresbodenzone mit den Senkaku-Inseln von "Tonoshiro" in "Tonoshiro Senkaku" umzubenennen. Tokio wolle damit nur seine Ansprüche zementieren.

Die Japaner beobachten das alles mit Argwohn und fühlen sich nicht gut dabei. Wenn es um wirtschaftlichen Austausch ging, war das Verhältnis der beiden Länder zuletzt eigentlich sehr gut. Man weiß, was man am Markt des jeweils anderen hat. Ein Japan-Besuch von Chinas Staatschef Xi Jinping kam im April nur wegen der Pandemie nicht zustande. Aber auf der politischen Ebene ist das Verhältnis gerade wieder sehr frostig.

In ihrem jüngsten Weißbuch zur Verteidigungspolitik hat die Regierung von Premierminister Shinzo Abe kritisiert, Peking versuche ausgerechnet in Zeiten der Pandemie "unnachgiebig", die Verwaltung der Senkaku-Inseln durch Tokio zu unterwandern und "einseitig den Status quo zu verändern". Gleichzeitig wolle China "sich bereichern" an seiner eigenen Coronavirus-Hilfe, indem es andere Staaten politisch und wirtschaftlich an sich binde. Propaganda und Falschinformation seien Teil der chinesischen Strategie. Die Botschaft war klar: Japan fühlt sich unsicherer denn je in Chinas Nachbarschaft.

© SZ vom 27.07.2020

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