Hans-Georg Maaßen Ein politischer Rumpelstilz

Hans-Georg Maaßen ist an sich selbst und seiner Eitelkeit gescheitert. Er hat auch das Vertrauen von Horst Seehofer missbraucht. Dieser wird ihm bald in den Ruhestand folgen.

Kommentar von Heribert Prantl

Zu schlechter Letzt hat Hans-Georg Maaßen etwas getan, was schlicht ungehörig ist - ganz gleich, wie man ansonsten zu seinen politischen Ansichten steht: Der bisherige Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes hat im Ausland im Kreise seiner Kollegen von ausländischen Geheimdiensten Teile der eigenen Bundesregierung schlechtgemacht und grob attackiert. Sein selbstverliebter Auftritt im sogenannten Berner Club in Warschau war eine schwere Entgleisung, ein Missbrauch der Amtsstellung und ein grober Bruch der Loyalität, zu der er als Spitzenbeamter verpflichtet ist.

Horst Seehofer hat ihn jetzt in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Maaßen hat auch das Vertrauen, das sein Innenminister in ihn gesetzt hat, missbraucht. Er hat seine illoyale und blasierte Rede im Intranet seiner Behörde veröffentlicht, er hat damit und mit der in der Rede demonstrierten bodenlosen Uneinsichtigkeit seinen Bundesinnenminister lächerlich gemacht. Horst Seehofer hatte sich ja bis zum Schluss hinter seinen Geheimdienstchef gestellt. Er hat einen unhaltbaren Amtsleiter gehalten, er hat ihm Brücken zu einer ehrenvollen Anschlussbeschäftigung gebaut - aber Maaßen hat diese Brücke nicht betreten. Stattdessen hat er sich aufgeführt wie ein divenhafter politischer Rumpelstilz. Man konnte zunehmend den Eindruck gewinnen, der Mann habe nicht nur eine eigene, im Zweifel rechtskonservative politische Agenda, sondern auch eine eigene politische Karriere im Auge.

Die eigene Eitelkeit hat den Erfolg Maaßens vereitelt

Man sagt zum Abschied eines Amtsleiters üblicherweise, dass er sich um das Amt verdient gemacht hat. Man sagt zum Abschied eines Geheimdienstchefs gern, dass er sich um das Land verdient gemacht hat. Bei Hans-Georg Maaßen fällt das schwer - er hat sich zunehmend in seiner Eitelkeit und seiner Selbstverliebtheit eingemauert. Maaßen hat der Regierungskoalition geschadet, aber daran war diese mit ihrer Zögerlichkeit und ihrem peinlichen Hin und Her auch selber schuld; sie hat ihn zu lang gewähren lassen. Maaßen hat vor allem der Klarheit des staatlichen Kampfes gegen den Rechtsextremismus geschadet - mit törichtem und uneinsichtigem Gerede, das als Verharmlosung der Umtriebe von Rechtsaußen verstanden werden konnte und musste.

Die eigene Eitelkeit hat den Erfolg Maaßens vereitelt. Er war einmal ein ordentlicher Abteilungsleiter und später ein angesehener Ministerialdirigent im Bundesinnenministerium, er war ein Mitarbeiter von Schäuble, von Schily und von de Maizière. Er war, das konnte man schon in seiner Doktorarbeit nachlesen, Flüchtlingen nicht besonders wohlgesonnen; aber seine politischen Ansichten ließ er damals nicht in seiner täglichen Arbeit heraushängen. Er hatte einmal die Loyalität, die ein Spitzenbeamter haben muss - vielleicht wusste er damals auch, dass sonst mit einem Schäuble oder einem Schily nicht gut Kirschen zu essen ist.

2012 wurde Maaßen Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz. Erst war er ein selbstbewusster, ein starker Präsident, einer, der dem Laden Selbstbewusstsein gab. Er genoss den Respekt, den er im Inland und im Ausland gewann - aber dann ließ er sich vom eigenen Nimbus hinwegtragen. Die Selbstwahrnehmung der eigenen Person veränderte sich in irritierender Weise. Aus einem Staatsdiener wurde ein Staatsschauspieler - ein Geheimdienstler, der am liebsten gar nicht im Geheimen arbeitete, sondern mit der großen Glocke läutete. Ein Papst, es war Johannes XXIII., hat einmal gesagt, dass er sich immer wieder selber einen Satz vorsage: "Giovanni, nimmt dich nicht so wichtig!" Hans-Georg Maaßens Spruch war das nicht.

Er wollte, das wurde immer offensichtlicher, nicht mehr Zuarbeiter für Staat und Regierungspolitik sein, sondern selbst Politik machen. Er tat es - er hätschelte die AfD, er kümmerte sich um sie nicht mit der gebotenen Distanz, sondern mit merkwürdiger Hingezogenheit. Er redete über rechtsradikale Ausschreitungen so, dass man dies als Kleinreden und Beschwichtigen verstehen konnte und musste. Und schließlich, in seiner Abschiedsrede, verurteilte er die Kritik an seinem Verhalten und an seinem Reden als Verschwörung von Teilen der SPD gegen ihn. Das ist schon ein wenig verrückt.

Aber vielleicht wollte er damit auch das erreichen, was er jetzt erreicht: dass er in den einstweiligen Ruhestand versetzt wird, der üblicherweise ein endgültiger ist. Man bekommt siebzig Prozent des bisherigen Gehalts und muss nichts mehr arbeiten. Horst Seehofer, der sich so merkwürdig an Maaßen gekettet hat, wird Maaßen demnächst in den Ruhestand folgen.

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