Luftverkehr Der 29,99-Euro-Irrsinn

Stundenlang war der Münchner Flughafen wegen einer Sicherheitspanne gesperrt, Flugausfälle und Verspätungen nehmen generell zu. Das eigentliche Problem: Fliegen ist zu billig.

Kommentar von Caspar Busse

Viele Passagiere sind in diesen Tagen genervt, nicht nur am Flughafen München. Dort kam es am Wochenende zum Chaos; ein Terminal wurde gesperrt, weil eine Frau unkontrolliert in den Sicherheitsbereich gelangt war. 330 Flüge mussten abgesagt werden.

Aber auch sonst herrscht seit Monaten Unmut und Unordnung am Himmel. Immer mehr Flüge werden annulliert oder starten und landen drastisch verspätet, Passagiere stehen Schlange an Sicherheitskontrollen und werden von Fluggesellschaften nur mangelhaft informiert. Die bauen offenbar darauf, dass sich der Ärger ihrer Gäste beim endlosen Warten in den vielen Hotlines von selbst auflöst.

All das wirft ein grelles Licht auf die Lage im deutschen Luftverkehrsmarkt. Fliegen, noch dazu in den Urlaub, das war einmal eine luxuriöse Fortbewegung. Heute ist es für immer mehr Menschen ein Ärgernis. Aber gibt es überhaupt ein Anrecht auf einen Mallorca-Flug für 29,99 Euro, der pünktlich sein soll und bei dem sogar das Gepäck ankommt?

Nein, natürlich nicht. Viele Flugtickets sind nur scheinbar günstig - so wie viele Dienstleistungen im Internet auch nur auf den ersten Blick kostenlos sind. Die Nutzer geben für die Nutzung von Onlineangeboten wie Whatsapp, Google Maps oder Facebook in der Regel sehr persönliche Daten preis, die für die Internetkonzerne wertvoll sind. Die Flugpassagiere freuen sich über einen niedrigen Flugpreis, sie zahlen in Wirklichkeit aber mit Lebensqualität und kostbarer (Urlaubs-) Zeit. Absolute Zuverlässigkeit, bester Service und Billigtickets - das kann nicht zusammengehen.

Die Fluggesellschaften sind weitgehend selbst schuld an der verfahrenen Lage

Fliegen ist zu billig. Die geringen Preise schaffen sich sogar eine eigene Nachfrage. So ist es möglich, mal schnell für das Wochenende einen Städtetrip zu planen. Viele kurze, innerdeutsche Strecken werden mit dem Flugzeug zurückgelegt, obwohl die Bahn inzwischen fast genauso schnell ist.

Dazu kommen negative Folgen für die Umwelt, der Lärm ist für Anwohner an manchen Flughäfen unerträglich. Der Luftraum in Europa ist ohnehin schon überfüllt. Im ersten Halbjahr 2018 wurden alleine im deutschen Luftraum fast 1,6 Millionen Flüge gezählt, deutlich mehr als im Vorjahr. Die von Experten geforderte Versteigerung der wertvollen Start- und Landerechte, der sogenannten Slots, würde Abhilfe schaffen. Dann würde dieses, inzwischen knappe, Gut auch einen angemessenen Preis bekommen. Es stünde Geld für Investitionen in die Flughäfen - in Gebäude, Sicherheitskontrollen und Service - zur Verfügung; die Tickets würden natürlich teurer.

Die Fluggesellschaften sind weitgehend selbst schuld an der verfahrenen Lage. Sie wollten zu viel in zu kurzer Zeit. Nach der Pleite von Air Berlin im vorigen Jahr wollten alle einen möglichst großen Teil des Marktes, allen voran Lufthansa mit der Tochter Eurowings. Sie alleine übernahm fast 80 Maschinen aus der Insolvenzmasse, doch so schnell war das nicht zu machen. Gleichzeitig mussten die Start- und Landerechte an den überfüllten Flughäfen genutzt werden, sie wären sonst nach wenigen Monaten verfallen. Doch Eurowings und den Konkurrenten standen gar nicht genug Flugzeuge samt Besatzung zur Verfügung, um alles ordnungsgemäß abwickeln zu können. Die vielen Flugannullierungen und Verspätungen sind die Folge. Dazu gesellt sich jetzt auch noch ein Imageverlust.

Klappbetten im Sicherheitsbereich, lange Schlangen vor den Schaltern

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