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Lufthansa:Weh dem, der fliegen muss

Es herrscht Entschlossenheit zum hemmungslosen Geldverdienen. Die Ticketpreise sorgen für fast schon obszöne Gewinnsprünge. Wie wird das weitergehen?

Die Lufthansa verdient klotzig. Wie kann das sein? Jahrelang beklagten sich ihre Chefs über angeblich mysteriös finanzierte Airlines aus dem Morgenland. Gegen Emirates und Etihad schien die ehemalige deutsche Staatsairline chancenlos zu sein. Nun meldet die lange fast um Mitleid bettelnde Lufthansa stolze Gewinne. Allein im Sommerquartal blieben beim LH-Swiss-AUA-Konzern anderthalb Milliarden Euro übrig. Die Airline-Gruppe ist unterwegs zum besten Ergebnis in ihrer Geschichte seit 1953, dem Jahr der Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dass es der Lufthansa derzeit so gut geht, hat zwei Aspekte, einen erfreulichen und einen eher nicht erfreulichen. Der Steuerzahler darf sich freuen, weil er die Lufthansa ziemlich sicher mit keinem Kredit künstlich beatmen muss wie vor ein paar Monaten ihren insolventen Hauptwettbewerber. Air Berlin war auch durch ihren Aktionär Etihad nicht mehr zu helfen, der mittlerweile selbst kriselnden Airline aus Abu Dhabi. Dank der Pleite von Air Berlin ist die Lufthansa dabei, wieder abzuheben, im doppelten Sinne.

Teure Tickets und obszöne Gewinnsprünge

Für Passagiere sind die Aussichten eher unerfreulich. Für sie hat der Milliardengewinn der Lufthansa etwas Besorgniserregendes - weil er die rigorose Entschlossenheit zum hemmungslosen Geldverdienen zeigt. Neben dem Frachtgeschäft sorgen vor allem höhere Ticketpreise für fast schon obszöne Gewinnsprünge von einem Drittel und mehr. Wie wird das weitergehen? Nach der Übernahme attraktiver Teile aus der Insolvenzmasse von Air Berlin kann die Lufthansa auf etlichen Strecken ohne Konkurrenz fliegen; es ist erkennbar, dass sie nehmen wird, was geht. Die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager spricht bereits von einem "Lufthansa-Monopol" und sieht sich in der Rolle der Kämpferin für die Fluggäste - zu Recht.

Einiges deutet darauf, dass die Fluggesellschaft mit ihrem Werbespruch "Nonstop you" jetzt weniger auf die Passagiere achtet, sondern mehr auf ihre Aktionäre. Die dürfen sich über einen kräftigen Kursanstieg freuen. Die Aktie hat ihren Wert in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Die Lufthansa ist gemessen am Kurs das erfolgreichste Unternehmen unter den 30 Dax-Konzernen.

Die hohe Bewertung an der Börse tut der Airline gut, weil sie stärker immunisiert gegen die Gefahr einer feindlichen Übernahme, wie sie bei einer Aktiengesellschaft im Streubesitz, also ohne starke Großaktionäre, latent vorhanden ist. Und es geht weiter so: Nun macht die Vorfreude auf eine signifikant höhere Dividende die Aktie für Anleger noch interessanter.

Die Lufthansa kultiviert ihr Zweiklassensystem: Aktionäre werden verwöhnt wie in der First, Passagiere bekommen gerade so viel, dass sie als Kunden nicht abspringen - wie in der Economy. Wirtschaftlich gesehen stellt sich in Sachen Lufthansa also zugespitzt die Frage: Was ist vorteilhafter? Passagier zu sein und immer mehr zu bezahlen? Oder Aktionär zu sein und immer mehr zu kassieren? Bei der Lufthansa will man eigentlich nur Aktionär sein.

© SZ vom 26.10.2017

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