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Damals und Heute:Die Irrwege der "Landshut"

'Landshut' zurück in Deutschland

Der Rumpf der ehemaligen Lufthansa-Maschine Landshut wird am 23.09.2017 auf dem Flughafen von Friedrichshafen (Baden-Württemberg) mit einem Kran auf einen Tieflader gehoben. Das 1977 von Terroristen entführte Flugzeug soll im Dornier Museum Friedrichshafen ausgestellt werden. (Archivbild)

(Foto: dpa)
  • Die Lufthansa Maschine Landshut wurde 1977 von Terroristen entführt.
  • Bis 2017 dämmerte die Landshut, entkernt und ausgeschlachtet, auf einem Flugzeugfriedhof im brasilianischen Fortaleza ihrer finalen Verschrottung entgegen.
  • Im Wahljahr 2017 machte der Bundeswirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel das Projekt, die Landshut zu retten, schließlich zur Chefsache.
  • Die Landshut kam 2017, 40 Jahre danach, tatsächlich heim. Neben dem Dornier-Museum in Friedrichshafen soll sie ein begehbarer Gedenkort werden.

Es scheint, als sei die Landshut ein zweites Mal in den Dämmer des Vergessenwerdens gefallen, und das ist dann doch überraschend. Jene Lufthansamaschine, die 1977 nach Mogadischu entführt und von der GSG gestürmt wurde, flog anschließend, man hatte die Einschusslöcher ausgebessert und das Flugzeug überholt, noch Jahre weiter, als sei nichts geschehen und sie nicht einer der Hauptschauplätze des dramatischen "Deutschen Herbstes" gewesen. Die palästinensischen Terroristen hatten in Aden den Flugkapitän Jürgen Schumann ermordet, sein Copilot Jürgen Vietor musste weiterfliegen, bedroht und beschimpft vom Kopf der Hijackertruppe, "Captain" Mahmud. Als Vietor nach der Befreiung erstmals wieder zum Flugdienst antrat, war die erste Maschine, in die er stieg - die Landshut.

Irgendwann verschwand sie aus der Lufthansa-Flotte. Wie ein ausgemustertes Reitpferd ging sie von Hand zu Hand, und wie der alte Gaul am Ende Karren zieht, so flog die Landshut keine Passagiere mehr, sondern diente als Frachtmaschine. Bis 2017 dämmerte sie, entkernt und ausgeschlachtet, auf einem Flugzeugfriedhof im brasilianischen Fortaleza ihrer finalen Verschrottung entgegen, vergessen von der Welt.

Nur Jürgen Vietor hatte die Spur seiner Maschine nie verloren, über die Netzwerke der Luftfahrtexperten wusste er immer, wo sie war. Und als der Journalist Martin Rupps und die frühere Chefstewardess Gabriele von Lutzau begannen, laut über eine Heimführung des Wracks nachzudenken, war Vietor dabei. Im Wahljahr 2017 machte der Bundeswirtschaftsminister und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel das Projekt, die Landshut zu retten, schließlich zur Chefsache. Und so standen Vietor und Gabriele von Lutzau eines Tages in Fortaleza im Inneren des Wracks, das ihr Flugzeug gewesen war; und die frühere Stewardess sagte später: "Es war, als ob man nach vielen Jahren eine alte Freundin treffen würde. Ihr gehört noch immer mein Herz."

Eine alte Freundin zudem, der sie ihr Leben verdanke - denn die Maschine hielt durch auf dem langen Irrflug, zu dem das Terrorkommando, das die Stammheimer RAF-Terroristen freipressen wollte, sie zwang. Gabriele von Lutzau hieß damals übrigens mit Nachnamen Dillmann, sie ist jene Zeugin, die im Prozess gegen die einzige überlebende Terroristin so beherzt aussagte, wie es Gerichtsreporter Hans Holzhaider 1996 in der Süddeutschen Zeitung  beschrieb.

Heute gehören Vietor und von Lutzau zu den vielen Unterzeichnern, früheren Geiseln und GSG-9-Männern, die sich im Februar, noch vor der Corona-Krise, an die Bundesregierung wandten: "Der Projektstillstand in Sachen Landshut ist für sehr viele Menschen in Deutschland, die eine lebendige Erinnerung an den Deutschen Herbst 1977 haben, unbegreiflich."

Die Landshut kam zwar 2017, 40 Jahre danach, tatsächlich heim, mit abmontierten Flügeln im Walfischbauch eines riesenhaften Antonov-Luftfrachters. Ein begehbarer Gedenkort sollte sie werden, neben dem Dornier-Museum in Friedrichshafen, an Terror und Verblendung erinnern, an Mut und Widerstehen der Geiseln und an die Demokratie, welche sich wehrte, als die GSG 9 die Gefangenen befreite. Union und SPD haben das sogar im Koalitionsvertrag von 2017 vereinbart. Doch geschehen ist wenig. Vorerst wartet die alte Landshut in einem Friedrichshafener Hangar auf die Dinge, die da kommen werden oder auch nicht. Einziger Trost: Die Landshut hat schon Schlimmeres gesehen.

© SZ vom 09.04.2020/hij

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:Die letzte Geisel

20 Jahre danach setzt der Angeklagten Souhaila Andrawes der Terror zu, den sie selbst mit der Entführung der Landshut einst verbreitete. Ein Bericht aus der SZ vom 27. Juni 1996.

Von Hans Holzhaider

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